Leserbrief

Betr. Süddeutsche, Ausgabe v. 16. Mai 2011, S. 43, Artikel „Kreativität in der Sackgasse – Dozenten an Musikhochschulen klagen über unfaire Bedingungen und fehlende Perspektiven“

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Zusammenhang mit o. g. Artikel erlauben wir uns als Vertreter der Lehrbeauftragten an der Folkwang Universität der Künste, Essen ein paar Anmerkungen. Eine Veröffentlichung unserer Zeilen in Gestalt eines Leserbriefes in der „Süddeutschen“ wäre wünschenswert.

Besten Dank und freundliche Grüße,

Wolfgang Kostujak, Matthias Nadolny, Frank Sichmann (Vertreter der Lehrbeauftragten an der Folkwang Universität der Künste, Essen)

So erfreulich die Aufmerksamkeit auf den ersten Blick auch erscheinen mag, mit der die „Süddeutsche“ Bedingungen und Perspektiven für Dozenten an Musikhochschulen in ihrer Ausgabe vom 16. Mai 2011 reflektiert, so fahrlässig bricht der dazugehörige Artikel die tatsächlichen Hintergründe des laufenden Diskurses auf dessen nebensächlichen Anteile herunter. Während im Bericht der Eindruck entsteht, als wollten Angestellte akademischer Einrichtungen (die ohnehin nicht ganz schlecht bezahlt werden) noch mal eben ihre Bezüge aufstocken, geht es in Wirklichkeit um viel mehr:

Weite Teile des Lehrbetriebes an deutschen Musikhochschulen werden seit der Einführung von „Lehraufträgen“ im Jahr 1970 mit wachsender Tendenz von Mitarbeitern absolviert, die faktisch unter Bedingungen von Kettenarbeitsverträgen tätig sind. Diese Praxis spielt sich nicht nur juristisch in einer anfechtbaren Zone ab. Sie gefährdet ganz eindeutig auch die Kontinuität von Lehre, und damit die Bildungschancen aller Studierenden. Und an dieser Stelle liefert auch das Votum des Dresdner Hochschulrektors Ekkehard Klemm, der mit seiner Personalpolitik „künstlerisch schnell, unkompliziert und auf hohem Niveau handlungsfähig bleiben“ will, keinen glaubwürdigen Blickwinkel. Erschwerend kommt hinzu, dass Ihr Bericht seine Stellungnahme selektiv zitiert. Tatsächlich weiß Herr Klemm nämlich sehr genau um den prekären Aspekt seiner Verhandlungssituation. In der von Ihnen herangezogenen Quelle schreibt er an anderer Stelle – etwas zerknirscht: „Grundsätzlich sind uns die (...) benannten Problem bekannt und bei nicht wenigen von ihnen sind wir seit Jahren um eine etwas befriedigendere Lösung bemüht.“

Jene „Flexibilität“, in der er den entscheidenden Vorteil befristeter Verträge erkennt, verweist in Wahrheit auf einen abgetragenen, sehr alten Hut: Ursprünglich sollten Lehraufträge nämlich wechselnde, optionale Bereiche im Curriculum abdecken. An dieser Stelle ist in der Tat personelle Flexibilität erforderlich. Inzwischen erfüllen Lehrbeauftragte aber auch grundlegende, professorale Aufgaben im Lehrbetrieb: Vom künstlerischen Hauptfachunterricht bis zur ständigen Seminar- oder Vorlesungsveranstaltung. Dass Kontinuität die Qualität der Lehre an dieser Stelle viel besser sichern kann als jeder „unkomplizierte“ Wechsel, weiß der Dresdner Hochschulrektor vermutlich selbst am besten. Der einzige Vorteil, permanent erforderliche Stellen durch Lehraufträge abzudecken, besteht darin, dass der Staat auf diese Weise über 50% an Lohnkosten spart. Viele Rektoren deutscher Musikhochschulen reflektieren die Situation längst mutiger als Herr Klemm (etwa diejenigen vom Leopold-Mozart-Zentrum Augsburg, der Hochschule f. Musik und Theater Rostock, der Hochschule für Musik und Tanz Köln oder die Landesrektorenkonferenz NRW v. 2. 12. 10), und auch der Vorsitzende der Rektorenkonferenz deutscher Musikhochschulen – Prof. Dr. Werner Heinrichs – sieht die sachliche Berechtigung des Forderungskataloges deutscher Lehrbeauftragter für Musik und erkennt zuallererst den prekären Aspekt im Dasein von Lehrbeauftragten. Daran tun die in Ihrem Artikel herangezogenen Stundensätze von Lehrauftragsbezügen (zwischen 33 und 39 Euro pro Unterrichtsstunde) keinen Abbruch. Spätestens seit der Umsetzung der „Bologna-Reform“ an deutschen Musikhochschulen gesellt sich zu den bestehenden Unterrichtsverpflichtungen der Lehrbeauftragten nämlich noch eine Vielzahl an unbezahlten Prüfungs- und Verwaltungsverpflichtungen, Vor- und Nachbereitungszeiten sowie Fahrt- und vielfältige sonstige Overheadkosten, die die Lehrbeauftragten in der Regel aus eigener Tasche bezahlen. Auf diese Weise schrumpft ihr wirtschaftlicher Output auf einen Bruchteil des ausbezahlten (in Ihrem Artikel benannten) Betrages zusammen.

So freundlich es immer gemeint sein mag, wenn Ihr Autor in seinem Artikel die ganze Bandbreite der unterschiedlichen Argumente zu Wort kommen lässt: Der Fall ist wesentlich eindeutiger. An deutschen Musikhochschulen werden weite Teile einer fachlich formal vergleichbaren Lehre unter sehr unterschiedlichen Bedingungen absolviert. Das ärgert nicht nur die Betroffenen KollegInnen. Es gefährdet in erster Linie den Lehrbetrieb selbst.

Wolfgang Kostujak, Matthias Nadolny, Frank Sichmann (Vertreter der Lehrbeauftragten an der Folkwang Universität der Künste, Essen)