Artikel für die HLZ, Zeitschrift der GEW Hessen Juli/August 2012: Carola SchlüterVertreterin der Lehrbeauftragten an der HfMDK Frankfurt und stellvertretende Sprecherin der bklm
ceterum censeo – Qualität ist anständig zu bezahlen
Lehrbeauftragte sichern den Unterricht an deutschen Musikhochschulen
Musiklehrer an allgemein bildenden Schulen und Musikschulen, Orchestermusiker, Instrumental-Solisten, Sänger, Tänzer, Schauspieler, Regisseure, Kulturmanager: alle diese künstlerisch und künstlerisch-pädagogisch Tätigen, die das deutsche Kulturleben zu einer international wahrgenommenen Größe machen und für die pädagogische Basisarbeit sorgen, werden an Musikhochschulen ausgebildet, deren Lehrkörper zum überwiegenden Teil aus Lehrbeauftragten besteht

- an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zu 64%. Das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist in diesen Institutionen gänzlich außer Kraft gesetzt und ersetzt durch die Devise: je billiger und flexibler desto besser. Dabei übernehmen bei grundsätzlich gleicher künstlerischer oder wissenschaftlicher Qualifikation Lehrbeauftragte an Musikhochschulen identische Lehrtätigkeiten wie die Professoren, sie sind wie diese autonom verantwortlich für die Ausbildung ihrer Studierenden, zumeist über das ganze Studium hinweg.

Kann man bei Lehrbeauftragten an Universitäten noch von „Nachwuchs“ sprechen, stellen sich Lehraufträge an Musikhochschulen als Lebens“stellungen“ dar, mit einer stunden weisen Honorierung, die eine Vielzahl von  Zusammenhangtätigkeiten einschließt, seit Jahrzehnten ohne Angleichung an Tarifsteigerungen des öffentlichen Dienstes – in Frankfurt innerhalb von 30 Jahren einmalig um 3%. Von einem Existenz sichernden oder gar standesgemäßen Einkommen ist das weit entfernt, auch dann, wenn der Betreffende mehrere Lehraufträge in verschiedenen Bundesländern innehat.

Die Musikhochschulen sind unter derzeitigen Bedingungen auf Lehrbeauftragte angewiesen, zur Gewährleistung der Kontinuität in der Lehre auch auf die Bereitschaft eines langfristigen Engagements , – ohne sie würde das nach außen hin glänzende Gebäude sofort zusammenbrechen - dennoch gewähren sie keinen Anspruch auf Weiterbeschäftigung über ein Semester hinaus, trotz „Bewährung“ von Jahren und Jahrzehnten. Die Höhe des Deputats, das eine Höchststundenzahl von 8 – 10 Semesterwochenstunden beträgt, kann von Semester zu Semester variieren, Planungssicherheit fehlt vollkommen; Mutterschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Anrecht auf bezahlte Urlaubstage existieren nicht.

Trotzdem gibt es keinen Mangel an hoch qualifizierten Kräften, die für die skandalös unterbezahlte Arbeit mit hochbegabten Musikern, Schauspielern, Tänzern oder Musikpädagogen zur Verfügung stehen. Für die Arbeit auf dem Niveau einer Musikhochschule – die Studierenden haben zunächst einmal die Hürde der Eignungsprüfung zu nehmen und sich der Konkurrenz der ganzen Welt zu stellen - gibt es keine Alternative. So greift das kapitalistische Prinzip von Angebot und Nachfrage auch im öffentlichen Dienst, potentielle Nachfolger stehen immer schon in den Startlöchern. Angenehm für die Institution, die nicht mit Arbeitskämpfen zu rechnen hat, denn die Angst vor dem Verlust des immerhin prestigeträchtigen Lehrauftrags erstickt jegliche Streikvision.

Diesen Missstand zu beheben ist die im Januar 2012 gegründete Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen (bklm) angetreten. Als Zusammenschluss der Lehrbeauftragten aller deutschen Musikhochschulen hat sie eine bemerkenswerte solidarische Kraft entwickelt und mit ihrem Grundsatzpapier „Frankfurter Resolution“ weite Aufmerksamkeit erregt. Ihren Forderungen nach einer sofortigen Anhebung und Dynamisierung der Honorare und der Umwandlung eines erheblichen Teils der Lehraufträge in feste (Teilzeit) -Stellen finden die Unterstützung aller Musikverbände, Gewerkschaften, der meisten Rektoren  wie auch der Politik.

Nachdem seit Jahrzehnten kein Anlass zu bestehen schien, das einwandfrei  funktionierende System der Billig-Lehre zu ändern, ist es den Aktivitäten der bklm zu verdanken, dass parallel an allen 24 Musikhochschulen endlich Bewegung in die Sache kommt. Verhandlungen auf Landtagsebene lassen in einigen Bundesländern Hoffnungen auf eine langfristige Veränderung aufkeimen. Auch in Hessen signalisieren Kulturpolitiker aller Fraktionen, das Problem erkannt zu haben.

Denn aus eigener Kraft können die Hochschulen die längst überfälligen Reformen nicht schultern und die Forderungen nach angemessener Bezahlung und Stellung der Verweigerung qualitätsgerechter Bezahlung die rote Karte zeigt.