Stellungnahme des Rektors zur Frankfurter Resolution:

Sehr geehrte Frau Wentz, sehr geehrter Herr Prof. Immer,

die auf der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten verabschiedete „Frankfurter Resolution" Vom 22./23.01.2011 sowie Ihren Brief vom 06.02.2011 haben wir erhalten. Sie haben uns um eine Stellungnahme gebeten - ich möchte diesem Wunsch als Rektor der Dresdner Musikhochschule gern nachkommen.

Grundsätzlich sind uns die von Ihnen benannten Probleme bekannt und bei nicht wenigen davon sind wir seit Jahren um eine etwas befriedigendere Lösung bemüht. Das Grundproblem liegt u. E. in der mangelnden Sensibilität und Akzeptanz für eine strukturelle Besonderheit der Kunst- und Musikhochschulen: Die hohe prozentuale Absicherung des künstlerischen Unterrichts durch Lehrbeauftragte. Auch in Dresden steht eine viel zu geringe Summe an Honorarmitteln zur Verfügung, die in den letzten Jahren nicht nur reduziert wurde, sondern von Seiten der Hochschulleitung regelmäßig aus Mitteln unbesetzter fester Stellen aufgestockt werden musste, um überhaupt alle Unterrichte abzusichern. Das bedeutet umgekehrt, dass jede - durchaus berechtigte! - Forderung nach Tariferhöhung des Stundensatzes der Lehrbeauftragten zum Kollaps der Musikhochschule/n führen würde. Entweder die Hochschulen wären gezwungen, den Unterricht, insbesondere den künstlerischen, signifikant zu verringern, um dadurch Spielraum für Honorarerhöhungen zu erlangen oder die Zahl der Studierenden müsste abgesenkt werden. Letzteres ist weder der Wille der Hochschulleitung noch vom Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) angestrebt. Beide Maßnahmen würden übrigens zur Verringerung der Lehraufträge führen - mithin zur Nichtverlängerung bestehender Verpflichtungen in erheblichem Ausmaß; eine Maßnahme, die sicher auch nicht im Interesse der Lehrbeauftragten ist. Die prinzipiellen strukturellen Ungleichgewichte in der Finanzausstattung der Musikhochschulen anzugehen und in den Ministerien die Sensibilität zu entwickeln für die Besonderheiten im Unterschied zu den Universitäten, ist aus unserer Sicht die vordringlichste Aufgabe, die wir ständig und gemeinsam im Auge haben müssen. Leider führt der deutsche Föderalismus dazu, dass auch hier die Lösungen von Bundesland zu Bundesland stark differieren und eine bundesweit einheitliche Lösung für 24 Musikhochschulen wohl ein Wunschtraum bleiben wird. Als Hochschulleitung stehen wir im Moment vor der Situation, in absehbarer Zeit keine Verbesserung herbeiführen zu können. Der Freistaat Sachsen hat einen Doppelhaushalt für 2011/12 verabschiedet, der augenblicklich Gültigkeit besitzt. Unsere Anstrengungen richten sich auf eine verbesserte Ausstattung mit Geldern im nächsten Haushalt. Diese Chance ist für uns erst wieder im Jahr 2013. Alle Äußerungen des SMWK allerdings lassen den Schluss zu, dass mit einer Erhöhung der Honorarmittel nicht gerechnet werden kann. Zu einzelnen Punkten der Resolution möchten wir noch gesondert Stellung beziehen bzw. Ihnen die Situation aus Dresdner Sicht schildern.

1. „Lehrbeauftragte erhalten ca. ein Drittel des Stundensatzes ihrer fest angestellten Kollegen"; „erhalten keine Tarifsteigerungen" usw. Diese Feststellung ist aus unserer Sicht ebenso richtig wie falsch. Tarifsteigerungen der Honorarmittel insgesamt hat es in der Tat kaum gegeben, allerdings wurde an unserer Hochschule ein System etabliert, bei dem eine Steigerung zumindest teilweise möglich war und auch praktiziert wurde - wenn auch in viel zu geringem Ausmaß. Den Stundensatz der Lehrbeauftragten mit dem der Festangestellten zu vergleichen, führt u. E. in die Irre: Jede/r Lehrbeauftragte hat alle Möglichkeiten, jenseits der Hochschule weitere Verträge zu unterzeichnen und auszuüben. Festangestellte jedoch sind in ganz anderem Maß an die HfM gebunden, müssen jede Nebentätigkeit anmelden, oft auch Gastspiele absagen und haben darüber hinaus erhebliche Pflichten jenseits des Unterrichts. Die durch die BA/mA-Profilierung entstandene Situation bei den Modulprüfungen hat diese Situation weiter verschärft. Es gibt bei uns Kolleg/innen, die über lange Zeiträume wöchentlich neben den 18 oder 22 sws bis zu 10 SWS prüfen und außerdem noch die Gremientätigkeit absolvieren, mithin eine 40-Stunden-Woche absolvieren, ohne nur einen einzigen Ton für sich selbst geübt zu haben, was sie aber als ernst zu nehmende Künstler/innen tun müssen. Diese Belastung ist Bestandteil des höheren Stundensatzes und insofern auch völlig gerechtfertigt. Im Übrigen ist darauf zu verweisen, dass Musiker/innen von Spitzenorchestern, die bei uns im Lehrauftrag tätig sind, bei entsprechenden Dienstjahren oft über den Bezügen einer W3- oder W2-Professur sogar über denen der alten C4! Es ist hier nicht der Ort zum Klagen - die unterschiedlichen Sätze aber gegeneinander auszuspielen, führt nicht weiter, denn hinter den Besoldungen einer Professur verbergen sich auch erhebliche Pflichten und Einschränkungen.

2. „Lehraufträge können zu jedem Semester fristlos und ohne Angaben von Gründen beendet werden" Ja, das ist richtig - und auch unbedingt notwendig. Es ist dies die einzige ,Versicherung' von Musikhochschulen, flexibel auf Änderungen reagieren zu können sowie künstlerisch schnell, unkompliziert und auf hohem Niveau handlungsfähig zu bleiben. Diese Flexibilität wird von uns verlangt, sie ist international üblich und hinsichtlich der hohen Fluktuationen bei Bewerbungszahlen in den einzelnen Studienfächern auch völlig normal. Sämtliche Änderungen der Studienabläufe in den zurückliegenden Monaten und Jahren wären ohne das Instrument der flexiblen Vertragsgestaltung undurchführbar gewesen. Im Übrigen darf an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass die flexible Vertragsgestaltung in künstlerischen Berufen (fast möchte ich sagen: seit Jahrhunderten...) zur Selbstverständlichkeit gehört. Feste Verträge gewerkschaftlich in der DOV organisierter Musiker/innen oder gar von Beamten (Professor/innen von Musikhochschulen) sind ein ebenso unterstütze nswertes Gut der letzten Jahrzehnte, wie sie Probleme der mangelnden Flexibilität gerade im rein Künstlerischen mit sich bringen können. Von den Musikhochschulen kann nicht erwartet werden, dass sie an dieser Stelle soziale Belange vor die künstlerischen und pädagogischen Erfordernisse stellen. Wir respektieren das Eintreten der Bundeskonferenz für diese sozialen Belange, machen aber darauf aufmerksam, dass die soziale Absicherung von Lehrbeauftragten weder jetzt noch künftig das vordringliche Problem der Musikhochschulen sein kann. Viele der Lehrbeauftragten befinden sich in überaus abgesicherten Verhältnissen; die nur teilweise ,prekären' Verhältnisse von Berufseinsteigern durch längere Verträge, Kündigungsschutz etc. zu bessern, kann nicht unsere vordringliche Aufgabe sein. Im Gegenteil bietet ein Lehrauftrag gerade für junge Absolventen ja auch eine Chance, Lehrerfahrungen zu sammeln und sich für ‚höhere Weihen' zu empfehlen. Wir haben uns um den künstlerischen und wissenschaftlichen Unterricht auf höchstem Niveau zu bemühen, der ist ohne das Instrument der Flexibilität nicht zu haben.

3. In den Bereich der Diskussion zu 2. gehört teilweise auch die Auseinandersetzung zum Thema Zahlung im Krankheitsfall, Unfallversicherung, Mutterschutz, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Es ist uns bekannt, dass hier Änderungen ebenso dringlich gewünscht wie erforderlich wären, jede Änderung des momentanen Status quo allerdings führt zum sofortigen Zusammenbruch des Hochschulalltags, wie er im Augenblick praktiziert wird. Zu diesem gehört, dass die Tätigkeit der Lehrbeauftragten eine selbst verantwortete Honorartätigkeit ist. Diese mit übermäßigen versicherungstechnischen Leistungen und Regelungen zu versehen, würde das gesamte System und damit die einzigartige und gottlob noch immer sehr lebendige und farbige deutsche Musikhochschullandschaft in Frage stellen.

4. Die Planungssicherheit der Deputate geschieht in Dresden semesterweise, eine Regelung, die wir insgesamt als angemessen erachten. Es besteht an unserer Hochschule die Möglichkeit, Lehrbeauftragten unkompliziert per Beschluss des Fakultätsrates den Status der Mitgliedschaft zu verleihen, wodurch auch Gremienentscheidungen oder die Mitwirkung an Berufungen möglich wird.

5. Was die Kontinuität und Qualität der Lehre sowie den Rückzug hochqualifizierter Künstler/innen und Wissenschaftler/innen betrifft, so gilt auch hier: Der Passus in der Resolution klingt markig und prägnant, ist aber nur teilweise richtig. Die Gefahr ist richtig und muss vor dem Hintergrund der jetzigen Finanzausstattung benannt werden. Die Struktur flexibler Lehraufträge indessen gehört zum Wesen der Musikhochschulen, bietet prinzipiell auch etliche Chancen und sollte nicht leichtfertig zu Gunsten eines festgezurrten und sozial in jeder Hinsicht abgesicherten Apparates zur Disposition gestellt werden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein differenziertes Bild der von Ihnen diagnostizierten Probleme und Forderungen:

- Feste Anstellungsverträge sind aus jetziger Sicht sowohl finanziell als auch organisatorisch (Bsp.: ständiger Wechsel der Bewerber- resp. Studierendenzahlen) weder durchführbar noch inhaltlich wünschenswert.

Wir unterstützen angemessene Honorarsätze und halten die momentan möglichen für zu niedrig; vergleichbare Honorarsätze jedoch sind nicht durchführbar und würden umgekehrt die viel größeren Verpflichtungen der Festangestellten unberücksichtigt lassen.

Die Anpassung an die Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst ist unterstützenswert, jedoch nur leistbar, wenn die Kunst- und Wissenschaftsministerien eine entsprechende prozentuale Erhöhung der Honorarmittel gewährleisten. Hierfür bedürfte es einer konzertierten Aktion aller Hochschulen (über die RKM) und des Bundesvorstandes der Lehrbeauftragten, um die Politik entsprechend zu sensibilisieren und längerfristig den bisherigen Stand durch neue Verfahrensweisen in allen Bundesländern zu ersetzen.

Die Mitwirkung in den Gremien und die mitgliedschaftsrechtliche Mitwirkung bei Beschlüssen wird von uns unterstützt und ist bereits problemlos möglich.

Eine vorrangige Berücksichtigung bei der Besetzung von Mittelbaustellen ist ebenso unkünstlerisch wie juristisch problematisch und wird deshalb von uns nicht unterstützt.

Abschließend darf ich Ihnen versichern, dass wir Ihre Anliegen sehr ernst nehmen, mit Ihnen gemeinsam gern um insgesamt bessere Bedingungen kämpfen wollen und werden, auch wenn wir in Einzelbereichen naturgemäß andere Auffassungen vertreten. In verschiedenen Gesprächen mit den politisch Verantwortlichen wird das Thema von uns ständig thematisiert, im März 2011 u. a. in einem bevorstehenden Gespräch mit dem neuen Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Herrn Dr. Henry Hasenpflug.

Mit freundlichen Grüßen!