20.5.2011 Rektorenkonferenz der deutschenMusikhochschulen in der HRK
Prof. Dr. Werner Heinrichs, Vorsitzender
Ansprache zum Abschluss des Hochschulwettbewerbs 2011 in Lübeck (23.5.2011)
seit vielen Jahrzehnten veranstaltet die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen im Mai den Hochschulwettbewerb, der in diesem Jahr den Fächern Tuba, Schlagzeug solo, Lied Duo und Komposition gewidmet ist, woraus Sie erkennen mögen, dass uns nicht nur Spitzenleistungen in jenen Fächern am Herzen

liegen, die üblicherweise im Konzertsaal virtuos zu glänzen wissen, sondern wir auch auf solchen Instrumenten Könnerschaft fordern und fördern, die manchmal zu wenig Beachtung finden. Zudem wird zum zweiten Mal ein Hochschulpreis für ein musikpädagogisches Projekt verliehen. Diesen Wettbewerb haben wir gemeinsam mit dem Verband der Musikschulen ins Leben gerufen, wofür wir dem Verband außerordentlich dankbar sind. Ich komme später noch einmal auf den Wettbewerb zurück.

 

Traditionell verbindet die Rektorenkonferenz mit dem Hochschulwettbewerb auch ihre so genannte Sommerkonferenz, die heute und an den beiden folgenden Tagen stattfindet. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir in diesem Jahr auf Einladung unserer Kollegin Prof. Römhild in Lübeck tagen dürfen. Wir genießen es sehr, Gast in dieser wunderschönen und mit kulturellen Zeugnissen reich gesegneten Stadt zu sein und danken von Herzen für die Gastfreundschaft und für das aufrichtige Willkommen, mit dem wir hier begrüßt wurden. Allen, die in der Musikhochschule an der Realisierung dieser Gastfreundschaft mitgewirkt haben, sage ich namens der Rektorenkonferenz herzlichen Dank!

Dank an Minister Jost de Jager für Kommen und Ansprache!

Bevor ich weiter auf den Wettbewerb eingehe, will ich noch einen Punkt aus unserer Konferenz ansprechen. Ein Schwerpunkt unserer Beratungen ist die Situation der Lehrbeauftragten an den deutschen Musikhochschulen. Sofern Ihnen dieses Problem nicht vertraut sein sollte, lassen Sie es mich kurz schildern. Lehrbeauftragte sind Lehrkräfte einer Hochschule, die nicht in einem festen Anstellungsverhältnis stehen, sondern freiberuflich ein bestimmtes Fach unterrichten. An Universitäten und Fachhochschulen sind sie im Hauptberuf meist erfolgreiche Praktiker wie Rechtsanwälte, Ingenieure oder Unternehmensberater, die ein oder zwei Stunden in der Woche für ein bescheidenes Honorar an der Universität unterrichten und irgendwann vielleicht mit dem Titel des Honorarprofessors belohnt werden.

Ganz anders dagegen ist die Situation an den Musikhochschulen. Weil hier wegen des Einzelunterrichts ein großer Bedarf an Lehrkräften besteht, wird ein großer Teil des Unterrichts – häufig zwischen 30 und 50 % - über Lehrbeauftragte abgedeckt. Und einen zweiten Unterscheid gibt es zu den Universitäten: während dort Personen unterrichten, die über ihren Hauptberuf ein sicheres Einkommen haben, haben wir es an den Musikhochschulen häufig mit Lehrbeauftragten zu tun, für die das Lehrbeauftragtenhonorar die wichtigste Einnahmequelle ist. Wenn man nun bedenkt, dass Lehrbeauftragte ihre Sozialversicherung selbst und ohne Arbeitgeberanteil zahlen müssen, keine Krankenversicherung besteht und alle Verträge stets nur für die Dauer eines Semesters abgeschlossen werden, dann kann man sich schon fragen, ob wir es hier nicht mit einer gravierenden sozialen Lücke zu tun haben.

Andererseits sind die Hochschulen auf die Lehrbeauftragten angewiesen, weil sie sonst den Unterricht für ihre Studierenden nicht sicherstellen könnten. Zudem wollen wir die Lehrbeauftragten im Hause haben, denn es handelt sich durchweg um Lehrkräfte mit hoher künstlerischer Kompetenz und einer großen pädagogischen Begabung. Doch leider steht für sie keine Stelle zur Verfügung, weshalb der Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ kurzerhand außer Kraft gesetzt wird. Die Rektoren der deutschen Musikhochschulen empfinden dies als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und sehen darin nicht zuletzt auch eine permanente Gefährdung des sozialen Friedens innerhalb der Musikhochschulen. Wir fordern deshalb zum wiederholten Male die Landesregierungen auf, hier endlich Abhilfe zu schaffen und den Lehrbeauftragten eine angemessene Bezahlung und soziale Absicherung zuzugestehen.

Letztlich geht es aber nicht nur um die Lehrbeauftragten, sondern ich sehe darin auch ein Zeichen für die häufig zu geringe Wertschätzung der Musikhochschulen. Musikhochschulen bilden Musiker aus, und Musiker machen Musik, und Musik ist eine wunderbare Sache, um das Leben etwas schöner zu machen – aber sonst braucht man Musik – und damit auch die Musikhochschulen – eigentlich nicht. Dazu ein Beispiel:

Kürzlich sandte mir der „Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft“ eine umfangreiche Dokumentation zu mit dem Titel „Wissensbasierte Stadtentwicklung“. Im Vorwort von Dr. Arend Oetker, dem Präsidenten des Stifterverbandes, heißt es u.a.

„Wie können Bildung und Wissenschaft am Standort für die regionale Entwicklung genutzt werden? Welchen Beitrag können die Kommune, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Stiftungen, Vereine, Schulen und Kultureinrichtungen leisten, um die Stadt zu einem lebendigen und attraktiven Wissensstandort zu machen? Diesen Fragen geht die vorliegende Publikation nach und erteilt 16 deutschen Städten das Wort. Sie skizzieren, wie sie sich als Wissenschaftsstandorte zu positionieren versuchen und welche Wege sie gehen, um Bildung und Wissenschaft in den Fokus ihrer Stadt und der Partner in Wirtschaft und Wissenschaft zu rücken.“

Zu meiner großen Freude stellte ich fest, dass zu den 16 untersuchten Städten auch Lübeck gehörte. Und da ich schon ein wenig an den heutigen Tag dachte, habe ich dieses Kapitel sorgfältig gelesen, um dann feststellen zu müssen, dass die Musikhochschule Lübeck dort mit keinem Wort erwähnt wird. Für den „Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft“ scheint diese Hochschule überhaupt nicht zu existieren und – was ich noch schlimmer finde – Musik scheint für ihn nicht mit Wissen verbunden zu sein, weshalb eine Musikhochschule auch bei der Entwicklung eines „lebendigen und attraktiven Wissensstandorts“ keine Rolle spielt.

Aber damit nicht der Eindruck entsteht, ich wolle hier nur Lübeck anschwärzen, muss ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass auch bei den anderen vorgestellten Wissensstandorte die Musikhochschulen unerwähnt bleiben. Wir haben es also offensichtlich mit einem grundsätzlichen Problem zu tun.

Wissen entsteht aber nicht nur durch das Aneignen praktisch verwertbarer Kenntnisse und durch das Erreichen eines vorgegebenen Lernziels. Von Wissen sprechen wir auch dann, wenn wir unsere kreativen Möglichkeiten immer wieder neu ausloten und in Erkenntnisse umsetzen. Wenn sich beispielsweise ein Pianist ein Leben lang mit den Goldberg Variationen auseinandergesetzt hat, dann erreicht er dadurch eine Form von Wissen, die dem erlernten Wissen weit überlegen ist. Wenn sich dieses Wissen nicht in Fakten für die Praxis niederschlägt, spricht dies nicht gegen das Wissen, sondern höchstens gegen die Praxis. Das praxisorientierte Wissen ist das Wissen über einen Gegenstand, während man in der Musik vom Wissen um etwas sprechen sollte. Der Musiker weiß um die Genialität einer Sonate, er weiß um die Tiefe einer Mahler Sinfonie.

Aber es mangelt an der Einsicht, dass auch ein solches Wissen außerhalb der Musik seinen Wert hat. Denn wenn man bereit ist zuzugestehen, dass auch Musik mit Wissen – und zwar nicht nur im musikwissenschaftlichen Sinne – verbunden ist, dann liegt doch die Frage nahe, wie ein solches Wissen erworben werden kann und ob nicht diese Form des Wissenserwerbs auch außerhalb der Musik von Nutzen sein könnte. Und damit bin ich wieder mitten in der Dokumentation zur „wissensbasierten Stadtentwicklung“ und damit beim Nutzen einer Wissensgesellschaft für die Entwicklung einer Stadt. Aus meiner Sicht ist es geradezu töricht, auf das Wissen und die Formen des Wissenserwerbs in Kunst und Musik zu verzichten. Das Wissen der Musikerinnen und Musiker, deren Form des Herangehens an ein Problem und deren Art, ihr Wissen in eine Sache einzubringen, sind Vorzüge, auf die kein kluges Gemeinwesen verzichten sollte und die folglich auch der „Stifterverband der Deutschen Wissenschaft“ künftig beachten sollte.

Doch denke ich, es ist nicht klug, es hier nur bei einer Klage über mangelnde Beachtung zu belassen. Wir, die Rektorinnen und Rektoren der deutschen Musikhochschulen, müssen es uns auch zur Aufgabe machen, noch mehr für ein zeitgemäßes Verständnis von Musik und Musikstudium zu werben. Wir müssen stärker als bisher darauf hinweisen, dass ein Musizieren auf höchstem künstlerischem Niveau weit mehr ist als die klangliche Umsetzung von Noten. Wer dies bezweifeln will, der lese den Roman „Doktor Faustus“ von dem hier in Lübeck geborenen Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann. Gestützt auf das Werk Arnold Schönbergs bietet Thomas Mann seinen Lesern Einblicke in die Musik, wie sie tiefer und gehaltvoller nicht sein können und die man dankbar als Bereicherung des Wissens aufnimmt. Genau diese Kraft der Musik, Wissen zu schenken, müssen wir als Hochschulen noch stärker in den Vordergrund stellen. Deshalb ist es gut und notwendig, dass wir uns auf unserer Lübecker Konferenz erneut mit der Frage der Künstlerischen Forschung beschäftigen. Wenn es uns gelingt, die Künstlerische Forschung der Wissenschaftlichen Forschung gleichzustellen, werden wir auch in einem Kontext von „Wissensbasierter Stadtentwicklung“ und Wissensförderung klarer wahrgenommen werden.

Lassen Sie mich abschließend wieder auf den gestern zu Ende gegangen Wettbewerb zurückkommen.

Jury-Vorsitzende, Teilnehmerzahlen

Lied-Duo (Hartmut Höll): 29

Schlagzeug solo (Rüdiger Nolte): 17

Tuba (Helmut Erb): 8

Musikpädagogik (Elisabeth Gutjahr): 7

Komposition (Johannes Schöllhorn): 8

 

Gratulation an alle Preisträger

Dank an Juroren, vor allem Jury-Vorsitzende

Dank an Verband der Musikschulen für Wettbewerb zur Musikpädagogik

Dank an MH Lübeck für Ausrichtung des Wettbewerbs

Ich erwähnte eben den in Lübeck geborenen Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann. Ich will aber auch den anderen, noch in Lübeck lebenden Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass nicht unerwähnt lassen. Auch Grass schrieb einen Roman, der mit Musik zu tun hatte. Ich meine natürlich den Roman „Die Blechtrommel“, der ein Musikinstrument – zumindest im weitesten Sinne – schon im Titel führt. Oskar Matzerath, der junge, zwergwüchsige Held des Romans, schlug nicht nur Tag ein Tag aus die Blechtrommel, sondern hatte auch die Gabe, schreiend so hohe und schrille Töne zu erzeugen, dass in seiner nächsten Umgebung alle Gläser zersprangen. Mehrfach wird im Roman berichtet, dass alle Hausbewohner in Panik zusammenliefen, wenn Oskar wieder zu einem schrillen Schrei ansetze, um wenigstens die kostbarsten Gläser vor seinem zerstörerischen Singen zu retten.

Ohne nun der Frage nachzugehen, ob und inwieweit es sich bei seinem Blechtrommel-schlagen und seinen schrillen Schreien um Musik handelt, darf doch festgehalten werden, dass es dem vom Wuchs her unscheinbaren Oskar gelingt, mit Hilfe weniger Töne auf sich aufmerksam zu machen und gegen eine ganze Erwachsenenwelt durchzusetzen. Vielleicht gibt die Erinnerung an die Lübecker Thomas Mann und Günter Grass auch den Musikhochschulen den Mut, noch stärker als bisher auf sich aufmerksam zu machen und selbstbewusster das in diesen Institutionen vorhandene Wissen in Szene zu setzen. Dies wäre gewiss nicht nur für die Musikhochschulen, sondern auch für die ganze Gesellschaft von Nutzen.