(Diese Rede war bestimmt, anlässlich der Podiumsdiskussion am 17. 11. 2011 in der Dresdner Hochschule gehalten zu werden.)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Das Protokoll dieser von der Vertretung der Lehrbeauftragten initiierten und organisierten Veranstaltung schreibt lapidar:

Statement des Rektors.

 

Von einer Journalistin des MDR wurde mir gar die Rolle eines "Vertreters der Arbeitgeberseite" zugemessen – nichts wäre gleichzeitig richtiger und falscher als dies: Ich bin derjenige, der die Lehraufträge unterschreibt und damit erteilt. Aber ich tue es mit Geld, das uns als Hochschule von meinem Arbeitgeber, dem SMWK[1], zugewiesen und vor allem zugemessen wird.

Und noch eins: Ich hafte sozusagen persönlich dafür, dass dieses Geld verantwortlich eingesetzt wird. Der Sächsische Rechnungshof hat bereits bei der Freikartenvergabe an Mitarbeiter, die Jahrzehnte in verschiedenen Ämtern unschätzbare Dienste getan haben, Einwände vorgebracht – wie erst, wenn bei der Vergabe von Lehraufträgen Unregelmäßigkeiten aufliefen, bspw., wenn eine bestimmte Zahl von SWS[2] nicht geleistet würde, weil eine bestimmte vorgesehene Studentenzahl nicht erreicht wurde.

Ich bin also nicht eigentlich Ihr Arbeitgeber, sondern, um in der Sprache der Nachwendezeit zu reden, die Treuhandverwaltung des SMWK. Schöner Job…

Lassen Sie mich das erwünschte Statement in drei Teile gliedern:

 

1. Worüber reden wir eigentlich?

Wir reden über ein System, das seit etwas über 40 Jahren, möglicherweise schon viel länger, praktiziert wird. Etabliert wurde es einstmals, um vor allem vier Dinge abzusichern:

-         die Ergänzung des Lehrangebots der hauptamtlich Angestellten

-         die Absicherung des Lehrangebots, das nicht von hauptamtlich Angestellten erbracht werden kann

-         die Gewinnung hochkarätiger Künstlerinnen und Künstler als LB[3], die für eine Festanstellung nicht zu gewinnen wären

-         die Verknüpfung zu den Theatern und Orchestern und deren fest angestelltem Personal, das für Lehraufgaben gewonnen und an die Ausbildung gebunden werden soll und muss

Insbesondere der letzte Punkt hat eine lange Tradition: Sie geht im Prinzip zurück auf das berühmte Dokument von Mendelssohn, das kürzlich von der HMT[4] in Leipzig ersteigert wurde und als Gründungsurkunde des Leipziger Ausbildungsinstituts gelten kann. Mendelssohn selbst fühlte sich offenbar als LB und gab dreimal wöchentlich Stunden – die Position eines Direktors suchte er, von sich fernzuhalten. Hier in Dresden gibt es eine ähnliche Tradition mit der berühmten alten Dresdner Orchesterschule. Einer ihrer bekanntesten Absolventen war Rudolf Kempe, dessen Lebensbilder Sie draußen sehen können in einer Ausstellung. Seine Lehrer agierten im Prinzip auch als Lehrbeauftragte. Ihre Entlohnung entzieht sich meiner Kenntnis.

Wir reden also über ein System, das an sich künstlerisch höchst sinnvoll, inhaltlich gewollt und organisatorisch recht flexibel ist.

Das Problem: Es geriet mit dem steigenden Finanzdruck in Schwierigkeiten – nicht, weil es so wenig, sondern weil es absolut erfolgreich war. Ähnlich der katastrophalen Entwicklung in den Musikschulen, wo immer mehr Honorarkräfte den Unterricht von ehemals fest angestellten Mitarbeitern übernehmen, zeigte sich plötzlich im System der Lehrbeauftragten eine Chance, die Kosten zu senken. Es kam und kommt zu der absurden Situation, dass einige Hochschulen mehrere Professorenstellen unbesetzt lassen, weil das Geld gebraucht wird, um attraktive Honorare an LB zu zahlen. Nota bene: Eine fatale Entwicklung, weil ein Rektor sich neuerdings vorhalten lassen muss, in dort und dort zahle man so und so viel mehr Honorar. Nur zum Verständnis: Wir reden von Unterschieden von bis zu 100 %.

Hinzu kommt: es gibt nicht die/den typischen Lehrbeauftragten. Es gibt solche, die in recht gut dotierten Verträgen ein festes Einkommen beziehen und dennoch das Recht in Anspruch nehmen können, für ihre Leistungen angemessen und gut bezahlt zu werden – alles andere würde auf die Qualität sofort durchschlagen. Es gibt diejenigen, die als Einsteiger/innen mit einem Lehrauftrag erste Hochschulerfahrungen als Dozenten sammeln. Und es gibt jene, die von dem Lehrauftrag – oder meist: von mehreren Lehraufträgen an verschiedenen Instituten – wirklich leben müssen.

Dies zunächst als Hintergrund, sozusagen als Folie.

Konkret sieht es so aus, dass momentan (lt. einer Tabelle im Buch "Hochschulmanagement" meines Stuttgarter Kollegen Prof. Dr. Werner Heinrichs, S. 36) mit Stand 2008  3693 fest angestellten Mitarbeiter/innen im künstlerischen Bereich von Kunst- und Musikhochschulen 5817 LB gegenüberstehen, das sind 58,28% - die Zahlen dürften sich eher noch nach oben verschoben haben. Hier in Dresden stehen in den letzten Jahren etwas fluktuierend 80 – 83 hauptamtlichen Lehrkräften (auf weniger Stellen! – einige teilen sich eine Stelle) ca. 280 – 300 LBn gegenüber. Diese sind in sehr verschiedenen Bereichen eingesetzt, unterrichten Musiktheorie, Gehörbildung, Nebenfächer, aber und vor allem auch: künstlerisches Hauptfach.

Ich möchte Ihnen und muss Ihnen eine Rechnung aufmachen, die das ganze Dilemma vorführt: Die SWS-Zahl für eine hauptamtliche Stelle beträgt 18 – 22 Stunden pro Woche. Dies entspricht sozusagen der "40 – Stunden-Woche" eines normalen Arbeitnehmers, weil davon ausgegangen wird, dass der Lehrende sich ja vorbereiten und vor allem auch selbst üben muss, um als Künstler und Lehrender überhaupt attraktiv bleiben zu können. Für die LBn ist auf dieser Basis hier in Sachsen ein Höchstsatz von 8,75 SWS oder 10,75 SWS festgelegt worden. Diese Zahlen entsprechen in etwa der knappen halben Stelle eines Professors/einer Professorin. Dessen niedrigste Einstufung liegt in Sachsen bei der W 1 bei 3740,82 €. Monatlich.

Ein LB mit der in Dresden durchschnittlichen Honorierung von 21 oder 25 € erhält bei 8,75 SWS, die sie/er in 32 Semesterwochen unterrichtet, entweder 5880 € oder glatt 7000 €. Jährlich und brutto.

Das monatliche deutsche Durchschnittsentgelt lag 2009 bei 2542 Euro, die Niedriglohngrenze bei 1870. Selbst wenn ein LB also noch einen zweiten LA[5] hätte, lägen sie/er mit 11.760 oder 14.000 € Jahresgehalt noch weit unter dem Niedriglohn. Wohlgemerkt: Wir reden von ausgebildeten, hochqualifizierten Akademikerinnen und Akademikern, die nach 10 – 12 Jahren als Jugendliche in der Spezialausbildung auf dem Instrument ein in der Regel 5 – 7-jähriges Studium absolviert haben, über ein Diplom und oft über ein Konzertexamen verfügen – und im Prekariat landen, das nicht einmal mit dem Personal einer Reinigungsfirma verglichen werden kann.

Worüber reden wir eigentlich hat aber noch einen zweiten Teil. Die Sicht der Gegenseite: des Treuhänders mit dem Titel Rektor der Musikhochschule. Der muss für das Funktionieren seines Instituts sorgen. Das angebotene Fächerspektrum – meist ohnehin mit vielen Kompromissen unter dem, was die künstlerischen Lehrkräfte für eine wirklich exzellente Ausbildung für notwendig hielten – das Fächerspektrum muss eingehalten werden. Es kann nicht ein bestimmtes Fach auf einmal weggelassen werden, nur, weil das Geld fehlt. Die Studierenden haben ein Recht auf ihre Studienpläne und Studienabläufe, die sie ja letztendlich zum akademischen Abschluss befähigen sollen.

Teil 2 – eigentlich Teil 1 – der Verantwortung des Rektors ist die Qualität des Angebots: Er hat bei Gnade seines Untergangs ein Angebot auf höchstem künstlerischen Niveau zu gewährleisten. Er redet also mit Engelszungen auf seine LBn ein, ihm bitte den Dienst nicht zu quittieren und die moralische Verpflichtung für die Ausbildung junger Leute für 25 € die Stunde als wesentlich wichtiger einzustufen, als zur gleichen Zeit auf dem privaten Markt oder bei einer Mugge[6] leicht das Doppelte bis Vierfache verdienen zu können.

Teil 3 der Verantwortung des Rektors schließlich ist seine Pflicht, im Rahmen des Bologna-Prozesses einen – selbstverständlich! – qualitativ besseren Studienabschluss zu ermöglichen, der in kürzerer Zeit erreicht werden muss. Bisher standen für Diplom und Aufbaustudium (resp. Konzertexamen) 5 + 2 Jahre zur Verfügung. Nun sind es 4 + 2 für BA[7] und MA[8]. Die Mittel sind gekürzt worden – interessanterweise mit der Begründung, ein kürzeres Studium koste ja auch weniger Geld (so wurde ich im Ernst beschieden). Der Einwand, dass die HS[9] allerdings jahresweise ihre Mittel erhielten und im neuen System in 6 Jahren insgesamt die Inhalte von 7 Jahren angeboten werden müssten, verhallte bisher ungehört im Raum. Ich habe also weniger Mittel pro Jahr, muss mehr Studieninhalte anbieten, die Zahl der Studierenden soll nicht sinken – die Zahl der Bewerber/innen steigt sogar! Wie, bitteschön, soll diese Quadratur des Kreises, der eher ein Ei ist, das uns gelegt wurde, wie soll das bewerkstelligt – und gleichzeitig die Bedingungen der LBn verbessert werden?

Dies, und nur dies sind die Gründe, verehrte Kolleginnen und Kollegen, weshalb meine Stellungnahme im Frühjahr sehr differenziert ausfiel und von mir und vielen anderen meiner Kollegen die Forderungen aus Frankfurt als momentan nicht durchführbar eingeschätzt wurden. Sie umstandslos umsetzen, würde bedeuten, den Personaletat der deutschen Musikhochschulen um ein Vielfaches zu erhöhen. Das scheint mir nicht durchführbar, politisch nicht durchsetzbar und kontraproduktiv auch für die LBn selbst, denn eine repräsentative Verbesserung der Bedingungen im Sinne der Resolution könnte die Zahl der LBn umgekehrt markant reduzieren.

Damit bin ich beim nächsten Punkt:

2. Worüber zu wenig geredet wird

Worüber wenig geredet wird unter den Künstlern, ist die Tatsache, dass der Kunst- und Kulturbetrieb sich in einem Erosionsbetrieb befindet. Im Jahr 2002 schreibt Reinhard Brembeck in der Süddeutschen Zeitung:

"Trotz ihrer eindrucksvollen Präsenz werden die Theater nur von einer Minderheit angenommen, während die Mehrheit der Nichttheatergänger zunehmend murrt und immer weniger Verständnis dafür aufbringt, dass sie mitzahlen muss, was nur einer Minderheit Spaß macht." Er betont ausdrücklich: "Zu den Nichttheatergängern muss man dabei die geistigen Eliten des Landes zählen, auch die Politiker und die Jungen. Dass es dem Theater immer weniger gelingt, diese Kreise anzusprechen, ist ein Alarmzeichen."[10]

In diesem Zusammenhang ist oft von der Selbstreferenzialität des Kulturbetriebs die Rede, ein Betrieb, der von sich selbst meint, wichtig und existenziell notwendig zu sein. Armin Klein schreibt in seinem Band "Der exzellente Kulturbetrieb[11]: "Und es kann kein Zufall sein, dass die Diskussionen um die Festschreibung des 'Kulturstaates' in der Verfassung, die Fixierung der Kultur als staatliche Pflichtaufgabe durch die Gesetzgebung oder die Überlegungen zur 'kulturellen Daseinsvorsorge' (ein Begriff, der vom Deutschen Kulturrat benutzt wurde - EK) genau in dem Moment erfolgen, da das Interesse des Publikums (und damit auch der Politik) mehr und mehr nachlässt. Statt sich aktiv um das Publikum und Legitimation zu bemühen, möchten Kultureinrichtungen ihren Bestand durch juristische Fixierungen sichern!"

Ich möchte betonen: Dies ist eine den Künsten und Künstlern recht aggressiv entgegnende Haltung, der wir uns aber auf alle Fälle stellen müssen. Und wir haben die Probleme in Sachsen ja ganz deutlich vor Augen. Ich denke dabei einerseits an den Legitimationsdruck, dem sich unsere Theater und Orchester ausgesetzt sehen. Etats werden eingefroren, Kultureinrichtungen gezwungen, seit Jahren immer weiter nach unten zu gehen mit dem Personal oder seiner Bezahlung. Mit Bestürzung sehe ich aber vor allem die Resignation, mit der die Kürzungen von gut funktionierenden Einrichtungen hingenommen werden. Fast alle sächsischen Orchester arbeiten mittlerweile mit Haustarif, einige sind gar bei 71 % Tarif D angekommen. Und ich sehe und habe mir mit Bestürzung von der Kultur berichten lassen, mit der im Landtag über Kultur gestritten wird. Auch das sollte uns ein Warnsignal sein.

Armin Klein erinnert auch an das Denken 'vom kulturellen Auftrag', vom Angebot her, ein Denken, bei dem der Rezipient kaum vorkommt. Die fünfziger Jahre hätten die Kulturpflege in den Mittelpunkt gestellt. In den Siebzigern fand dann eine Wandlung statt – die angebotsfixierte Orientierung aber blieb. Hilmar Hoffmann, legendärer Kulturdezernent von Frankfurt a.M., schrieb: "Jeder Bürger muss grundsätzlich in die Lage versetzt werden, Angebote in allen Sparten und mit allen Spezialisierungsgraden wahrzunehmen, und zwar mit einem zeitlichen Aufwand und einer finanziellen Beteiligung, die so bemessen sein muss, dass keine einkommensspezifischen Schranken aufgerichtet werden. … Eine demokratische Kulturpolitik sollte nicht nur von dem formalen Angebot für alle ausgehen, sondern kulturelle Entwicklung selbst als einen demokratischen Prozess begreifen."[12]

Davon, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind wir mittlerweile meilenweit entfernt. Und es scheint nur so, als habe diese Diskussion nichts mit der Frage zu tun, was ein LB für ein Honorar erhält oder für Arbeitsbedingungen hat. M.E. liegt hier ein Hauptgrund, warum wir uns überhaupt über dieses Thema auseinandersetzen müssen. Wir selbst stecken tief drin im Schlamassel. Wir prägen eine Kultur der Events, in der es schick ist, einmal jährlich 160 € für das Chicago-Symphony hinzublättern, aber uncool, 10 mal für 16 € zur Neuen Elbland Philharmonie oder zu den Landesbühnen Sachsen ins Konzert zu gehen. Wir feiern open airs mit Stars, die viel Geld abräumen (es sei Ihnen gegönnt), aber inhaltliche Leere hinterlassen. Ein lauschiger Sommerabend vor der Münchner Feldherrenhalle oder der Berliner Waldbühne mit Sektglas oder Rotwein ist allemal trashiger als Rihm oder Reimann im Parkett. Mittlerweile gehen wir ins Rundkino und schauen und hören Opern von der MET, die Semperoper mit ihren gern kritisierten Inszenierungen und den Sängern, die nicht ganz so bekannt sind wie die in München, Wien oder Mailand, ist uns eh ein Dorn im Auge. Wir holen uns lieber einen bekannten Fernsehregisseur mit einem subalternen Stück und Gagen für die Mitwirkenden in den Zwinger, von denen mancher LB ein ganzes Jahr in Saus und Braus leben könnte, als unsere eigenen Ressourcen dort zu nutzen. Und dann stopfen wir aus der privaten Tasche sogar noch Finanzlöcher von 600 000 €. Meine Damen und Herren: Das ist nicht irgendeine Dresdner Posse oder ein Unfall – das ist der Stand der Dinge. Ist meine Diagnose zu düster?

Wir sind beim letzten Punkt angekommen.

 

3. Worüber wir reden müssen

Über nicht mehr und nicht weniger als über unsere – vor allem, liebe Lehrbeauftragte: Ihre Qualitäten, Erfolge und Ziele. Mit denen muss der Wert unserer Hochschulausbildung, unserer Hochschule und unserer aufstrebenden Stadt untermauert werden. Es ist ein inhaltlicher Kampf, den wir führen müssen und der hoffentlich in eine Verbesserung der Situation mündet.

Ich darf noch einmal Armin Klein zitieren: "Öffentlichen Kulturbetrieben, die ihre Legitimation gerade nicht aus dem Prinzip der finanziellen Gewinnmaximierung ableiten, ist also der Weg der beliebigen Produktanpassung an den jeweiligen Publikumsgeschmack nicht nur versperrt, sondern sie würden geradezu die Legitimation der öffentlichen Subventionierung verlieren, wenn sie ihre Produkte und Dienstleistungen an der jeweiligen Nachfrage orientierten. … Im Vordergrund der Arbeit … steht vielmehr immer die möglichst optimale Realisierung ihrer jeweiligen künstlerischen, kulturellen, ästhetischen, bildungspolitischen usw. Zielsetzung, denn nur aus ihr heraus sind sie kulturpolitisch legitimiert und von dem Zwang befreit, gewinnorientiert arbeiten zu müssen. Deshalb ist der Grad der inhaltlichen bzw. ästhetischen Zielerreichung das entscheidende Beurteilungskriterium für den Erfolg bzw. Misserfolg einer Kultureinrichtung."

Ich darf hinzufügen: auch für den Erfolg einer Musikhochschule.

Eine Studie von Arnold Jacobshagen von der HfMuT[13] Köln im Auftrag des Deutschen Musikrates fasst im Juni 2010 zusammen[14]:

"Die Bedeutung der deutschen Musiktheaterlandschaft offenbart sich im internationalen Vergleich. Welt­weit gibt es rund 560 permanente und professionelle Opernhäuser, von denen sich etwa jedes zweite inner­halb der europäischen Union und jedes siebte in Deutschland befindet. Auch der Anteil des Musiktheater-Publikums an der Bevölkerung ist in Deutschland überdurchschnittlich hoch. Aktuellen Untersuchungen zufolge beträgt das potenzielle Opernpublikum in Deutschland rund acht Prozent der Gesamtbevölkerung, gegenüber etwa sechs Prozent in den Vereinigten Staaten, fünf Prozent in Italien und weniger als drei Pro­zent in Frankreich und Großbritannien. Allerdings zählen besonders die USA zu den Wachstumsmärkten des internationalen Opernbetriebs, ebenso wie in jüngster Zeit auch Japan, China und Südostasien."

Könnte es sein, dass die Tatsache der im internationalen Vergleich doch immer noch recht wettbewerbsresistenten deutschen Wirtschaft auch der noch immer resistenten Kultur zu danken ist? Dass die positive Entwicklung der Einwohnerzahl Dresdens und sogar die steigende Zahl der Kinder in der Stadt mit der hohen Qualität von Kunst und Musik in Verbindung gebracht werden könnte? Ich höre in vielen Diskussionen, dass die Einwohnerzahlen Sachsens und Ostdeutschlands sinken und die Einnahmen schwinden – was tun wir denn, um sie zu erhöhen, was, um unsere Region wieder attraktiv zu machen?!

An den Musikhochschulen wird unglaublich viel auf höchstem Niveau getan:

Die Nachwuchsarbeit an Musikhochschulen ist konstitutives Element unserer Arbeit. Erst recht hier in Dresden, wo von der Kinderklasse über das Landesgymnasium bis hin zu zahlreichen Projekten mit Schulklassen, dem HSK[15] und anderen Partnern wie den Dresdner Schulkonzerten geradezu Paradebeispiele einer erfolgreichen Kinder- und Jugendarbeit vorliegen und meist – von Lehrbeauftragten betreut werden!

Das allseits geforderte Qualitätsmanagement – in den Musikhochschulen ist es durch den Einzelunterricht ohnehin längst Praxis. Die HRK[16] wird in Kürze ein Dokument des Vorstands der RKM[17] vorgelegt bekommen, in dem es darüber hinaus heißt:

"Die deutschen Kunsthochschulen und Musikhochschulen erfüllen Kriterien, die heute allgemein für Exzellenz-Hochschulen zugrunde gelegt werden. Sie haben weit überdurchschnittlich gute Betreuungsrelationen, praktizieren seit jeher durch Eignungsprüfungen eine individuelle Studierendenauswahl und pflegen sehr bewährte spezifische Formen der Qualitätssicherung wie öffentliche Ausstellungen, Konzerte und Wettbewerbe.

Die Kunsthochschulen und Musikhochschulen sind die Hochschularten in Deutschland, die, in Relation zur Anzahl der Studienplätze, mit großem Abstand international am stärksten nachgefragt werden. Nicht selten sind selbst an den relativ kleinen Kunst- und Musikhochschulen Studierende aus mehr als 50 Staaten immatrikuliert. Kunsthochschulen und Musikhochschulen sehen sich deshalb als Institutionen, in denen Internationalität ein konstitutives Element ist."

Schließlich und nicht zuletzt: Die Praxisorientierung. Stärker als hier in Dresden kann sie fast nicht ausgeprägt sein. Ca. 60 LB aus den Dresdner Spitzenorchestern unterrichten in diesem Haus. Umgekehrt bieten die Theater, Orchester, freien Ensembles und Musikschulen unzählige Praxismöglichkeiten für die Studierenden.

Was sie dort z.Zt. neben der Musik lernen? Wie schlecht bezahlt wird und dass es sich in Sachsen bald nicht mehr lohnt, überhaupt den Beruf des Musikers/der Musikerin anzustreben.

Als Rektor dieses Hauses kann ich mit Stolz darauf verweisen, wie erfolgreich diese Institution arbeitet, wie viele Studierende Preise, Stellen, Stipendien, Wettbewerbe gewinnen; wie viele LB und Festangestellte zu den erfolgreichsten Künstlerinnen und Künstlern ihres Faches gehören. Wir haben und verkörpern höchste künstlerische Ziele, arbeiten berufsorientiert, sind international aufgestellt, befördern die Gleichstellung und betreiben eine exzellente Nachwuchsarbeit – dies die zentralen Forderungen auch des neuen Hochschulentwicklungsplanes.

Warum zu diesem Preis?

Meine sehr verehrten Damen und Herren – Sie kennen meine Positionen, bei denen ich Ihnen aus den genannten Gründen gelegentlich auch widersprechen muss: In der Grundüberzeugung und in der Sache haben Sie meine volle Unterstützung für eine Reform und Verbesserung Ihrer Arbeitsbedingungen. Durch verschiedene Gespräche im SMWK und mit Vertretern verschiedener Fraktionen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Botschaft vernommen wurde – ob sie angekommen ist und bei der künftigen Hochschulentwicklungsplanung eine markante Rolle spielt, wird sich noch zeigen. Mit unseren klaren Zielen vor Augen, mit Ihren Erfolgen als Dozentinnen und Dozenten im Gepäck und mit unserer bisher sehr gut funktionierenden Kultur der Kommunikation hoffe ich, dass der Weg sich erfolgreich gestaltet.

Ich danke Ihnen.

 

 

Prof.
Ekkehard Klemm
Rektor
Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden
Dresden, den 17.11.2011



[1] Sächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

[2] Semesterwochenstunden (Anzahl der pro Woche innerhalb eines Semesters zu leistenden Stunden)

[3] Lehrbeauftragten

[4] Hochschule für Musik und Theater Leipzig

[5] Lehrauftrag

[6] "Musikalisches Gelegenheitsgeschäft" – ein in Musikerkreisen üblicher Begriff für kurzfristige Engagements, Konzertaushilfen, etc.

[7] Bachelor

[8] Master

[9] Hochschule

[10] zitiert nach: Armin Klein, "Der exzellente Kulturbetrieb", Wiesbaden, 2. Aufl. 2008

[11] Armin Klein, "Der exzellente Kulturbetrieb", Wiesbaden, 2. Aufl. 2008

[12] H. Hoffmann, Kultur für alle, Frankfurt 1981, S. 29

 

[13] Hochschule für Musik und Tanz Köln

[14] Arnold Jacobshagen, "Musiktheater" Deutsches Musikinformationszentrum, 2010 (http://www.miz.org/static_de/themenportale/einfuehrungstexte_pdf/03_KonzerteMusiktheater/jacobshagen.pdf)

[15] Heinrich-Schütz-Konservatorium

[16] Hochschul-Rektorenkonferenz

[17] Rektorenkonferenz der Musikhochschulen