19. April 2015, HfMDK Kleiner Saal, 17;00 Uhr
Magnifizenz, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen von David Petersen,
mir kommt die Ehre heute zu, Sie alle als „Schirmherrin des Abschiedskonzerts" hier in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main begrüßen zu dürfen.
Ich kenne die Hochschulszene ein bisschen, zum einen als Mitglied des Hochschulrats der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, zum anderen als Mitglied des Wissenschaftsrates, stehe also nicht nur als Generalbundesanwältin vor Ihnen.

Nun mag sich mancher fragen, was es damit auf sich haben mag, dass eine frühere
Generalbundesanwältin hier in dieser Eigenschaft auftritt. Befasst sich die
Bundesanwaltschaft doch vorrangig mit Terroristen aus aller Welt, mit terroristischen Vereinigungen und was damit zusammenhängt – von ganz rechts bis ganz links!

Aber, an dieser Stelle mögen alle beruhigt sein – unser Freund David Petersen ist kein
Terrorist, er ist ein großartiger Freund, ein frei denkender Geist, der Ungerechtigkeiten und
Ungereimtheiten in unserer Gesellschaft nur schwer erträgt; er ist gelegentlich ein Querdenker und ein Innovativer, der vorgegebene und regelhafte Bedingungen hinterfragt, der bisweilen – so kenne ich ihn - sein Herz auf der Zunge trägt und sagt, was er denkt, und der vielleicht nicht immer nur diplomatisch und in Watte gepackt die Verhältnisse doch wirklich anspricht, die kritisch beleuchtet werden müssen – und mit all diesen Eigenschaften gehört er zu den aufrechten Menschen, deren Mut und Unerschrockenheit wir alle „unser einig Vaterland" zu verdanken haben! Wenn Leute wie er nicht gewesen wären 1989 und 1990, dann säßen wir heute hier nicht alle zusammen aus Ost und West, und es wäre nicht zusammen-gewachsen was zusammengehört.

 

Vor allem aber ist David ein toller Musiker und einer der besten Fagottisten, die wir haben. Kundige Thebaner, also wirkliche Fachleute - ich rechne mich nicht dazu, ich bin nur ein großer Fan - zählen ihn zu den weltweit Besten seines Fachs!

Eigentlich - so sollte man meinen – muss sich jede Musikhochschule dieses Landes darum reißen, ihn als Lehrer zu gewinnen oder zu halten. Warum also finden wir uns heute zu diesem
Abschiedskonzert an der HfMDK in Frankfurt zusammen, wo David Petersen mehr als 12 Jahre als Lehrbeauftragter gewirkt und unbestritten mit großem Erfolg seine
Fagottklassen geführt und fähige und tüchtige Musiker in diesem Fach ausgebildet hat?

Mir scheint, hier ist es David ergangen, wie dem stürmischen Ritter Walther von Stoltzing in den Meistersingern von Nürnberg, der mit seiner Kraft und seiner Jugend in die mittelalterliche Welt der Meistersinger einbricht.

Wer leidenschaftlich und kreativ, mit vielen, auch neuen Ideen das Bestehende und
Althergebrachte hinterfragt und Regeln kritisiert, die Tabulatur nicht mehr einhält, am Ende sogar auf dem Singestuhl steht (!), der gewinnt so leicht keine Freunde, sondern erntet Misstrauen und Abwehr der Besitzenden und der Amtsinhaber. Das war im Mittelalter nicht anders als heutzutage, wenn es um die Besitzstände und die Strukturen an unseren Hochschulen geht. Und das gilt an den Universitäten sowie an den Musik- und Kunsthochschulen ebenso.

Und schnell hat der kritische Geist, der sich nicht so leicht einfügt, „versungen und vertan", wird aus der Sicht der Beckmesser zum „merkwürdigen Fall", dessen man sich am besten ganz schnell entledigt.

Da fehlte wohl in unserer Causa hier in Frankfurt ein Meister Sachs, der um der Kunst willen das Neue, das nach den alten Regeln als unermesslich schien, akzeptiert, wohlwollend prüft und dann mit Weisheit das Alte und das Neue zusammenführt!?? Und zwar rechtzeitig und nicht erst dann, wenn sich die Geister ganz und gar miteinander verzankt haben, das ist die Sicht der Außenstehenden.

Aber die Vorgänge hier an der Hochschule werfen zugleich beispielhaft und schlaglichtartig auch ein grelles Licht auf die schwierige, ja in gewisser Weise schutzlose Stellung der Lehrbeauftragten hierzulande und nicht umsonst ist das Programm umschrieben als „Konzert
der Solidarität mit allen von Entlassung bedrohten Lehrbeauftragten an deutschen Hochschulen".

Ungeachtet seiner langjährigen Tätigkeit hier an der Hochschule – das ist factum - war es möglich, die Zusammenarbeit mit David - dessen künstlerische und pädagogische Erfolge unbestritten sind – ohne Begründung und eine wirklich rechtzeitige klärende Aussprache zu beenden, in dem der Lehrauftrag für das nächste Folgesemester einfach nicht mehr verlängert wird.

Während einerseits die deutschen Musikhochschulen, das gilt nicht nur hier in Frankfurt, bis zu 50%, ja sogar bis zu 60% der Ausbildung und Lehre durch Lehrbeauftragte erbringen lassen, ohne die der Lehrbetrieb bei steigenden Studierendenzahlen nicht aufrecht zu erhalten wäre, ist die Rechtsstellung der betroffenen Personengruppe völlig ungesichert, die Bezahlung völlig unangemessen und unter Berücksichtigung des Gesamtaufwandes eher unter dem viel diskutiertem Mindestlohn angesiedelt.

Denn zahlreiche Nebenverpflichtungen, die dem Lehrbeauftragten obliegen, die erwartet werden – Vorbereitungs- und Übezeiten, Vorspiele und Prüfungen - werden i.d.R. nicht extra honoriert, aber eben doch erwartet. Die mögliche Stundenzahl im Rahmen eines solchen Lehrauftrags ist auf rund 10 Stunden begrenzt und das zu einem durchschnittlichen Stundenlohn von 30,- €. Das von der Hochschulrektorenkonferenz angemessen erachtete Honorar wird mit 60,- € als fair angesehen.

Es bedarf keiner Rechenkünste, um zu erkennen, dass unter diesen Bedingungen kein Auskommen erzielt werden kann, mit dem der Lebensunterhalt oder gar ein Familien- einkommen dauerhaft gesichert werden kann, zumal man jederzeit, auch wenn es nicht immer
passiert, damit rechnen muss, dass im Folgesemester nicht einmal dieses (prekäre) Arbeitsverhältnis fortgesetzt wird.

Der bundesweite Aktionstag der Lehrbeauftragten an den Kunsthochschulen am 6. November 2014 hat versucht, auf diese schwierige Lage aufmerksam zu machen.

Während die Hochschulpolitik bei den Universitäten so ganz allmählich im Interesse der
Qualitätssicherung von Studium und Lehre auf die nicht mehr hinnehmbare Situation der Nachwuchswissenschaftler und des akademischem Mittelbaus reagiert, die seit Jahren nur mit befristeten Verträgen beschäftigt werden, so dass weder eine Lebens- noch eine Karriereplanung möglich ist, sind wir bei den Kunst- und Musikhochschulen, die von der Sache her ja auf Einzelunterricht angewiesen sind, noch ganz am Anfang der Diskussion. Also ist es eine bedeutsame und wichtige Frage, auf diese Situation einmal hinzuweisen.

Selbst wenn man ein berechtigtes Interesse der Hochschulen an Flexibilität anerkennt und nicht alle Lehrbeauftragten in dauerhafte feste Arbeitsverhältnisse übernehmen kann, zudem aber doch die Möglichkeit erhalten will, den hervorragenden hauptamtlichen Orchestermusiker für einen Lehrauftrag zu gewinnen, so sollten diese Arbeitsverhältnisse dennoch rechtlich so ausgestaltet sein, dass alle Beteiligten sich verlässlich auf eine Zusammenarbeit einstellen können und nicht von kurzfristigen Verlängerungen und Befindlichkeiten, die es immer im menschlichen Zusammenleben gibt, abhängig werden.

Ich jedenfalls wünsche mir sehr, dass dieser Nachmittag dazu beiträgt, den
Verantwortlichen in der Hochschulpolitik ebenso wie an den Musikhochschulen die Brisanz dieser Situation deutlich zu machen und alle, die von ähnlichen Situationen abhängig sind, zu ermutigen, die Stimme zu erheben, gemeinsam zu handeln und nicht zu resignieren, weil die Zustände eben so sind wie sie sind.

Denn, und nochmal Wagner: Hier gilt's der Kunst!" Und in diesem Sinne hoffe ich, dass die Stimmen von heute hier nicht verhallen.

 

 

-----------------