„Uns geht es darum als gleichberechtigte Lehrende an unserer Hochschule behandelt zu werden!“

BASTA-Interview zwischen Carola Schlüter, bklm-Sprecherin und Senatsvertreterin der Lehrbeauftragten an der HfMDK und Alexander Keidel und Stefan Weber

 Lehraufträge an deutschen Musikhochschulen sollten ursprünglich der Ergänzung des Lehrangebots dienen. In der Realität wird weit über die Hälfte des Unterrichts von Lehrbeauftragten (LB) erteilt, die als nebenamtliche Hochschullehrer nur einen Bruchteil ihrer festangestellten Kollegen verdienen und dabei arbeitsrechtlich nicht abgesichert sind. In den letzten 30 Jahren hat es lediglich eine einmalige Lohnerhöhung um 3 Prozent gegeben, eine Angleichung an die Tarifsteigerung im öffentlichen Dienst ist nicht erfolgt. Lehraufträge werden kurzfristig für jeweils ein Semester vergeben und enthalten somit keinen Anspruch auf Weiterbeschäftigung. 2011 haben die LB ihre Forderungen an Politik und Hochschulleitungen in der Frankfurter Resolution festgehalten (die Basta berichtete).

Carola Schlüter, langjährige Lehrbeauftragte an der HfMDK und Sprecherin der „Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen“ (bklm), spricht im Basta-Interview über die aktuellen Entwicklungen.

 

 

Basta: Liebe Frau Schlüter, was bedeutet für Sie die Arbeit an der HfMDK?

Carola Schlüter: Die pädagogische Arbeit an einer Musikhochschule ist eine ganz besondere. Man arbeitet mit sehr motivierten, hochqualifizierten Studierenden – im musikalischen Bereich gibt es da keinen Vergleich. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, es erfordert ein Sich-voll-hineingeben und auf diese Weise ist arbeiten für mich beglückend. Das ist auch der Grund, warum viele Lehrbeauftragte (LB) nicht sagen, die Bedingungen sind so schlecht, da mach ich lieber etwas anderes!

 

B: Sie sprechen die schlechten Arbeitsbedingungen der LB an. Sie haben 2012 eine Umfrage unter den LB gemacht? Können Sie das kurz erläutern?

CS: Die „Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen“ (bklm) hat in einem enormen ehrenamtlichen Aufwand eine Befragung unter allen LB durchgeführt. Bundesweit haben sich circa 30% der LB beteiligt, was ein sehr guter Schnitt für Umfragen ist.

Die Auswertung der Zahlen belegt, dass die LB über einen langen Zeitraum benötigt werden, ihre Arbeit ist essentiell! Die Zahlen sind sehr deutlich, im Bundesdurchschnitt sind 68,1% mehr als 10 Semester im Lehrauftrag beschäftigt, in Frankfurt sogar 73,5%. Im bundesweiten Schnitt sind 44,6% länger als 10 Jahre im Lehrauftrag, in Frankfurt 47,6%. Des Weiteren wurde die große finanzielle Misere deutlich, die dem Lehrauftrag beiwohnt. Für 60% der Befragten sowohl im Bundesdurchschnitt als auch in Frankfurt stellt der Lehrauftrag einen wesentlichen Anteil des Einkommens dar, als existentiell – d.h. dass gar nicht darauf verzichtet werden könnte – in Frankfurt immerhin 52% und bundesweit auch fast 60%.

Wir haben diese Ergebnisse bei der Rektorenkonferenz präsentiert, zu der wir jedes Jahr einmal eingeladen sind, - was übrigens als großer Erfolg zu werten ist. Unsere Umfrage ist auf heftigen Widerstand gestoßen, man warf uns Unwissenschaftlichkeit vor, bis dahin, dass man uns angedroht hat, uns zu verklagen, wenn wir sie benutzen. Wir haben uns zunächst tatsächlich einschüchtern lassen, aber schließlich doch einen unangreifbaren Weg gefunden sie zu veröffentlichen (www.bklm.org).

 

B: Oft wird die Lösung der Probleme im Allgemeinen auf die Politik abgewälzt. Machen es sich die Hochschulen da nicht etwas zu einfach?

CS: Die Hochschulen gehen damit unterschiedlich um. An der HfMDK ist klar, dass es keine Priorität in Richtung Übernahme einer Verantwortung für eine Verbesserung der Situation der LB gibt.

Von der geschichtlichen Entwicklung her waren die Hochschulen immer bestrebt, besser, glänzender, großartiger zu werden. Sie haben immer mehr Bereiche dazu genommen und die billige Lösung Lehraufträge akzeptiert. Dadurch ist die Situation entstanden, dass im bundesweiten Durchschnitt ungefähr 50% der Lehre von LB geleistet wird. Und diese Frage der Priorität für eine Verbesserung stellt sich in den meisten Hochschulen nicht, weil es ja auch so funktioniert.

Wenn wir in der Lage wären Druck aufzubauen, – z. B. durch einen zweisemestrigen Totalstreik aller LB –, dann wäre man innerhalb der Hochschule gezwungen, sich endlich einmal um die Bedingungen der LB zu kümmern und andere Vorhaben hinten anzustellen. Weil wir diesen Druck aber nicht aufbauen können, da wir keinerlei Kündigungsschutz genießen, ist die Hochschule niemals gezwungen, diese Prioritäten zu setzen.

Wir haben uns in den letzten Jahren auch an die Politik gewandt und mit Vertretern aller Parteien Gespräche geführt. Alle hatten im Grunde keine Ahnung von den speziellen Problemen der LB an der HfMDK. Es wäre aber Aufgabe der Hochschulleitung gewesen, die Politiker auf die Misere hinzuweisen – und nicht erst jetzt! Ohne dass sie das tun, haben die Abgeordneten keinen Anlass zu reagieren.

 

B: Sie haben 2011 in der BAStA gesagt: „Sie vermissen, dass von oberer Stelle mal ein Zeichen gesetzt wird, um den LB zu sagen, sie erhalten Unterstützung.“ Dieses Zeichen hat praktisch nicht stattgefunden, oder?

CS: Nein, im Gegenteil! Es hat sich seitdem Vieles noch deutlicher gezeigt. Unsere Hochschulleitung sieht keine Notwendigkeit darin, die finanzielle Situation der LB zu verbessern. Sie verfolgt zwar das Ziel, den prozentualen Anteil an der Lehre zu reduzieren, was auch unseren Interessen entspricht. Herr Rietschel geht davon aus, dass ungefähr 30 % der Lehre durchaus von LB geleistet werden könnte, das halten wir allerdings für entschieden zu hoch! Deswegen ist sein Hauptinteresse, Mittelbaustellen zu schaffen – eine Handvoll ist auch tatsächlich besetzt worden. Aber dass gleichzeitig die Bezahlung der vielen LB, die noch lange übrig bleiben werden, weiterhin miserabel ist, dass es keine Angleichung an die Tarifsteigerung des öffentlichen Dienstes gibt und dass wir in Frankfurt in einer der teuersten Städte Deutschland leben, das interessiert ihn nicht, da wir im bundesweiten Vergleich gut dastehen. Herr Rietschel hat leider genau dieses Scheinargument bei der öffentlichen Anhörung im Hessischen Landtag zur prekären Situation an hessischen Hochschulen vorgebracht. Wenn so ein Signal ausgesendet wird, fühlt sich die Politik natürlich nicht getrieben, etwas zu ändern.

 

B: Obwohl Herr Rietschel einmal in einem Brief geschrieben hat, dass er die Arbeit der LB sehr schätzt und sie seine Anerkennung haben.

CS: Dafür können wir uns nichts kaufen. Wir haben unseren Unmut darüber auch bei der Rektorenkonferenz geäußert! Das sind schöne Worte, jetzt müssen Taten folgen! In einzelnen Hochschulen ist die Unterstützung von Seiten der Hochschulleitung deutlich größer, in Rostock etwa, wo LB 72% der Lehre leisten, hat die Rektorin Verbesserungen für die LB zum Masterplan erkoren.


B: Wenn wir bei schönen Worten sind: Im neu formulierten Leitbild heißt es unter anderem: „Wir begegnen einander mit Wertschätzung, in wechselseitiger Anerkennung der Kompetenzen und schaffen eine Atmosphäre, in der Authentizität und Kreativität gedeihen können.“ Ist das aus Sicht der LB eine gewisse paradoxe Formulierung?

CS: Obwohl meine Kollegin Gabriele Zimmermann sehr intensiv am Leitbild mitgearbeitet hat, konnte nur sehr vorsichtig eingearbeitet werden, was wir anstreben. Letztendlich ist das Leitbild ja kein Ist-, sondern ein Soll-Zustand. Insofern können wir uns auf diesen Absatz berufen, wenn wir um Verbesserungen kämpfen. Es taucht auch der Begriff „Solidarität“ im Leitbild auf, wir müssen sie nur einfordern.

 

B: Vor zwei Jahren haben Sie im BAStA-Interview angeprangert, dass die LB lediglich Angehörige und nicht Mitglieder der HfMDK sind. Hat sich an diesem Status etwas geändert?

CS: Natürlich nicht! Der Status Angehöriger statt Mitglied für die LB ist wahrscheinlich ein Stück Symbolpolitik. Zur 75-Jahrfeier der HfMDK wurde eine Festschrift mit kurzen Statements zum Thema Was mir die HfMDK bedeutet herausgegeben. Es wurden 30 Personen interviewt – Studierende, Professoren, Verwaltung, ehrenamtliche Mitarbeiter, Alumni – aber kein einziger LB! Also: Wir gehören nicht dazu, sind aber verantwortlich für über 60 % der Lehre. Das war krass!

Wir haben dann mit Flugblättern versucht darauf aufmerksam zu machen. Im Senat wurde mir äußerst aggressiv bescheinigt, dass wir durch diese Flugblattaktion mehr Aufmerksamkeit erregt hätten, als es durch Beiträge in der Festschrift der Fall gewesen wäre. Diese hat mir ein Missverständnis gezeigt: Uns geht es nicht darum, besonders wirkungsvoll protestieren zu können, sondern als gleichberechtigte Lehrende an unserer Hochschule behandelt zu werden.


B: Welche Möglichkeiten des Protests stehen Ihnen zur Verfügung? Sie haben eingangs bereits die Arbeitsniederlegung angesprochen. Ist es denkbar, dass die LB in einen Streik treten oder ist das utopisch aufgrund der schlechten Absicherung der LB?

CS: Es gibt in NRW Beispiele dafür, dass gestreikt und dadurch auch etwas erreicht wurde – allerdings mit Unterstützung der Hochschulleitung. Hier würden wir diese Unterstützung sicher nicht bekommen. Gleichzeitig habe ich auch den Eindruck, dass unter unseren LB eine sehr große Angst besteht. Die Zurückhaltung sich zu engagieren ist extrem! Das hat sicher auch damit zu tun, dass meine Aktivitäten immer wieder zu heftigen Konflikten mit der Hochschulleitung geführt haben. Da ich alles offen kommuniziert habe, wurden auch die Konflikte öffentlich. Insofern ist die Chance, dass bei uns ein Streik stattfindet, eher nicht gegeben.

Zu dieser LB-bereinigten Festschrift hatte ich versucht eine Aktion durchzuführen. Wir wollten die umgetextete Sprech-„Fuge auf die Geographie“ von Ernst Toch nach dem Festakt zur 75-Jahr-Feier der HfMDK im Foyer aufführen, aber die Aktion musste wegen mangelnder Beteiligung abgesagt werden. Wenn schon eine solch harmlose Aktion nicht funktioniert, sehe ich nicht, dass es zur Zeit möglich ist, Druck auszuüben, das ist ein großes Problem!

Wir versuchen aber bundesweit dagegen anzugehen, indem wir uns seit Beginn der bklm mit der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) zusammengetan haben. Ein Streik wäre nur möglich mit Unterstützung einer Gewerkschaft, die – einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad der LB vorausgesetzt – im Streikfall sogar Ausfallhonorare zahlen würde.

 

B: Was könnte man ändern, damit die Situation der LB mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt? Könnte man da nicht versuchen Unterstützung zu erfahren?

CS: Wir haben Vieles unternommen und auch erreicht in den letzten 3 Jahren! Es erscheinen immer wieder Artikel zu unserem Thema in der Presse. Wir sind inzwischen sehr gut mit dem Deutschen Musikrat vernetzt. Als nächsten Schritt haben wir vor, die Landesmusikräte noch stärker einzubinden, denn die stehen im Kontakt mit den Landes-politikern. Ein kleines Problem ist, dass die Landesmusikräte durch die Politik finanziert werden. [lacht]

Über den Bundesfachausschuss Musikberufe des Deutschen Musikrats haben wir näheren Kontakt zur Grünen-Politikerin Agnes Krumwiede bekommen, die als Mitglied des Bundestages einen Mindestlohn für LB an Musikhochschulen gefordert hat – das wurde abgeschmettert, aber es war schon einmal in der Öffentlichkeit. Das heißt also, je mehr Institutionen, je mehr wichtige Personen wir von unserer Sache überzeugen können, desto eher wird es öffentlich thematisiert.

Die Diskussion am Kochen zu halten ist sehr aufwendig. Wir diskutieren immer wieder, ob wir einen bundesweiten -möglichst kreativ gestalteten- Aktionstag auf die Beine stellen können. Wenn ich aber bedenke, wie schwer es ist, einige Leute zu motivieren, sehe ich Moment noch nicht, dass das realisierbar wäre. Es wäre aber die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Aktion mit den Studierenden.

 

B: Was können wir Studierende dafür tun, dass die Situation präsenter wird?

CS: Die Problematik könnte auch von Ihrer Seite immer wieder thematisiert werden. Für viele Studierende wird der Lehrberuf an einer Hochschule die Zukunft sein. Sie studieren auf einen Beruf hin, mit dem Sie Ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Selbst wenn man zwei Lehraufträge hat -und damit erfüllt man schon fast die

 Stundenzahl einer vollen Professur- kann man nicht davon leben. Das sollte eine Motivation für die Studierenden sein, sich mit der Problematik zu befassen!

Konkret ist es wichtig auch mit den Professoren darüber zu reden und -wenn es möglich ist- die Hochschulleitung darauf anzusprechen. Oder im Rahmen von politischen Aktionen immer wieder darauf hinzuweisen, dass diese Misere besteht. Mehr können Sie auch nicht tun.

 

B: Trägt Ihre politische Arbeit Früchte? Das Gerücht einer Lohnerhöhung geht um...!

CS: Herr Rietschel sprach mich darauf an, dass es eine Etaterhöhung gegeben habe und dass gedacht sei, die LB daran teilhaben zu lassen. Daraufhin haben wir in einer Vollversammlung darüber diskutiert, welche Prioritäten wir setzen möchten. Wir haben uns darauf geeinigt, eine Honorarstufenreform zu fordern, die darauf hinauslaufen sollte, dass es nur noch eine Honorarstufe gibt.

Es gab drei Stufen [1. Stufe: 30,42€, 2. Stufe: 32,98€, 3. Stufe: 39,52€] und es wurde nie richtig deutlich, wie sie verteilt sind. Wir gehen davon aus, dass es keine Rechtfertigung für eine Differenzierung gibt, die LB in Höhere und Niedere kategorisiert. Darüber haben wir mit den Dekanaten diskutiert und konnten uns darauf einigen, dass diese Differenzierung auch inhaltlich nicht aufrecht erhalten werden muss.

Wir haben gefordert: Die erste Stufe möge unmittelbar abgeschafft werden! Die zweite und dritte Honorarstufe sollte im Verhältnis 3:1 erhöht werden. Wir wollten damit signalisieren, dass auch die höchste Stufe weiter steigen muss, aber die zweite Stufe deutlich mehr, so dass irgendwann alle Stufen verschmelzen. Das wurde vom Präsidium abgelehnt! Tatsächlich durchgeführt wurde aber die Abschaffung der ersten Stufe und das trifft immerhin 25% der LB, die damit eine Honorarerhöhung um 8,4% erhalten haben. Das ist immerhin ein kleiner Erfolg! Wir müssen jetzt darauf drängen, dass auch die weiteren Vorschläge umgesetzt werden. Von alleine passiert nichts!

 

B: Wie ist die aktuelle Problematik der Situation der LB?

CS: Die Problematik ist nach wie vor unverändert. Wir fordern, dass wir für die gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden – wir erhalten aber nur einen geringen Bruchteil. Wir leisten definitiv die gleiche Unterrichtstätigkeit wie die Professoren, mit der gleichen Verantwortung für die Studierenden. Diese Ungleichbehandlung ist nicht zu akzeptieren! Das Honorar ist darüber hinaus in den letzten 30 Jahren lediglich einmalig um 3% erhöht worden. Wenn man die Geldentwertung betrachtet, ist das Honorar heute noch halb so viel wert wie vor 30 Jahren. Obwohl wir es immer wieder fordern, gibt es keine Aussicht auf Honorarerhöhung in demselben Rahmen, indem die Lohnsteigerungen im öffentlichen Dienst stattfinden. Es ist ein Skandal, dass wir seit 30 Jahren das gleiche Honorar haben!

Das große Problem ist, dass wir den „Lehr-Auftrag“ semesterweise bekommen. Man hat keinerlei Anspruch auf Weiterbeschäftigung, auch wenn in der Realität die Lehraufträge über 10 Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre immer wieder verlängert werden. Es wäre ja auch ein unendlicher Aufwand, immer wieder neue Lehrkräfte einzustellen. Trotzdem besteht die Unsicherheit und diese führt zu einem Angst-System, das ist nicht anders möglich. Angst vor Engagement, Angst vor Verlust, Angst vor ehrlicher Meinungsäußerung …

Wir fordern deswegen Festanstellungen! Das würde unendlich viel Geld kosten, aber was heißt unendlich viel: Wenn wir von 120 Millionen Euro für einen Neubau sprechen, dann wäre für dieses Geld auch das zu haben.

 

B: Apropos kurzfristige Beauftragung: Wir haben mit einer LB gesprochen, deren Deputat im Vorfeld des vergangenen Semesters ohne ihr Wissen sukzessive auf lediglich eine Studentin reduziert wurde. Die LB hat sich gefragt, ob sie nicht mehr gebraucht wird oder ob ein persönliches Problem zu Grunde liegt. Hat in diesem Fall die Kommunikation nicht funktioniert?

CS: Es hat einerseits damit zu tun, dass viele Personen bei der Vergabe von Lehraufträgen und Deputaten beteiligt sind. Von Seiten des Präsidiums wäre ein dringender Appell an die Verantwortlichen notwendig, dieses Thema offen mit den LB zu kommunizieren. Man weiß nie genau, nach welchen Kriterien der Umfang des Deputats zu Stande kommt. Zur Entschuldigung der Professoren: Durch die hohe Zahl der LB ist die Selbstverwaltung der Lehre auf extrem wenig Köpfe verteilt, da es so wenige Festangestellte gibt. Die sind zum Teil massiv überfordert, da sie daneben ja auch ihre Lehre abhalten sollten.

Wir haben bundesweit mit den „Mindeststandards der Arbeitsbedingungen“ (www.bklm.org/mindeststandards.html) gefordert, dass man eine Regelung findet, die den abrupten Wegfall von Stunden verhindert. Es darf nicht sein, dass neue LB eingestellt werden, solange die bewährten LB nicht ausgelastet sind. Es muss einen Willen zu einer Verantwortung gegenüber den Lehrenden geben, die sich in ihrer Arbeit z. T. über viele Jahre bewährt haben.

 

B: Es hängen ja auch persönliche Schicksale an diesem Beruf!

CS: Man erfährt auf der einen Seite Wertschätzung von den Studierenden, und ist bestätigt, wenn die Studierenden gute Prüfungsergebnisse haben. Auf der anderen Seite wird man peu à peu oder plötzlich nur noch für zwei, drei Stunden eingesetzt. Das kränkt!

Dann ist es verständlich, dass sich viele LB zurückziehen. Meines Erachtens wäre es allerdings sinnvoller, wenn alle diejenigen aufständen und aktiv unsere politische Arbeit unterstützten. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Was können Sie [als Studierende] tun? Wenn Sie mit LB zu tun haben, fragen Sie sie regelmäßig: Sind Sie auch aktiv dabei? Ach, warum machen Sie denn da nichts?

 

B: Sind Sie weitestgehend Einzelkämpferin an der HfMDK?

CS: Es gibt vereinzelt Mitkämpfer, aber insgesamt ist die Beteiligung viel zu gering. Deshalb habe ich bereits zum letzten Semester angekündigt, mich weitgehend zurückzuziehen, abgesehen von meiner Mitwirkung im Senat – ich fühle mich natürlich noch verantwortlich, aber ich werde nicht mehr ständig reagieren, das sollen jetzt andere tun. Ich habe in einer Vollversammlung vorgeschlagen, dass sich ein Team bilden möge, mal sehen, was passiert...

 

B: Wenn Sie von Vollversammlung sprechen, wie viele LB kann man sich da vorstellen?

CS: Bei der VV, in der ich angekündigt hatte, dass sich ein Team bilden möge, kamen 10 … von 380. Es gab auch VV mit 30 LB, aber viel mehr auch nicht.

 

B: Ist das auch der Gesamtsituation geschuldet, dass man als LB einfach wenig Zeit in der HfMDK verbringt und viele Projekte nebenher macht?

CS: Das ist sicher so. Viele leben nicht in Frankfurt. Die Regel ist, dass man als LB sehr viele Jobs hat: wir nennen das Patchwork-Arbeit. Deshalb ist für politische Aktivitäten kein Platz; aber es ist auch eine Frage der Prioritäten. Ich habe auch vieles zu tun. Wenn man es wirklich wichtig findet, sich zu wehren, muss man ab und zu dabei sein – es ist ja nicht viel, was man tun muss, wenn viele mitmachen. Und das glaube ich, könnte sich eigentlich jeder erlauben.

 

B: Es ist für die LB ja auch wichtig, dass neben dem ganzen Engagement und auch der Lehre auch noch Zeit für eigene künstlerische Projekte bleibt!

CS: Ja, eigentlich sollte das die Hauptaktivität sein! Seit ich mich nicht mehr verantwortlich fühle, die treibende Kraft an dieser Hochschule zu sein, ist meine Kraft und meine Energie und meine Lust wiedergekommen, eigene künstlerische Projekt anzugehen. Die hatten auf Grund der großen zeitlichen und emotionalen Belastung durch den Kampf für die LB sehr gelitten. Ich bin sehr engagiert in der Neuen Musik und das ist eigentlich, neben dem Unterrichten, meine Leidenschaft.

 

B: Eine abschließende Frage: Was wird sich an der HfMDK-Situation ändern?

CS: Wir haben mit Ernst-August Klötzke einen neuen Vizepräsidenten bekommen. Er war früher auch LB an der HfMDK und hat dann erfreulicherweise die Professur bekommen. Er hat sich intensiv in das LB-Thema eingearbeitet, ich habe ein ausführliches Gespräch mit ihm darüber geführt.

Ernst-August Klötzke hat im Rahmen des Präsidiums die Aufgabe übernommen, sich aktiv um die LB zu kümmern. Es ist ein gutes Zeichen, dass da jetzt einer ist, der sich von sich aus darum kümmern möchte. Er hat dann auch gleich die LB zu einer Vollversammlung eingeladen – ein absolutes Novum – in der die Problematik der LB thematisiert werden soll. Ich habe die Hoffnung, dass er als Vizepräsident Farbe bekennt und sagt: Das ist ein wichtiges Thema, an das wir jetzt ein bisschen anders herangehen müssen!

B: Vielen Dank für das Interview.

Alexander Keidel und Stefan Weber haben mit Carola Schlüter gesprochen.