An die Lehrenden, den Senat und die Studierenden                                         Freiburg, 11.6.13
Sehr geehrte, liebe Lehrende, Senatsmitglieder, Studierende,
aus dem Senat wurde uns berichtet, dass im Zusammenhang mit der Prüfungssituation unser
Kollege Matthias Stich mehrmals als „Problem Stich“ tituliert wurde.

Diese Formulierung finden wir unangemessen und stigmatisierend.

Aufgrund der allgemeinen unbefriedigenden Situation der Lehrbeauftragten sind wir Matthias Stich für seine klare und konsequente Haltung dankbar.

Matthias Stich hat nicht aufgrund seiner persönlichen Situation so gehandelt, sondern im Sinne der Lehrbeauftragten.

Ein Honorar in der Größenordnung von 45 Euro pro Unterrichtsstunde (derzeitiger
Höchstsatz) wäre laut Gewerkschaftsberechnungen ein Mindestlohn im akademischen
Bereich und sollte daher selbstverständlich sein.1

Dies entspricht leider nicht der Realität an Musikhochschulen.
Diese sieht nach wie vor anders aus.

Die Tatsache, dass die Selbstverpflichtung (Vergütungserhöhung) nicht eingehalten und dieser Sachverhalt von der Hochschulleitung nicht angemessen kommuniziert wurde, zeigt eine beunruhigend unernsthafte Haltung der gesamten Lehrbeauftragtensituation gegenüber.

Dies widerspricht auch dem Selbstverständnis der Musikhochschulen, wie es im Leitbild der
deutschen Musikhochschulen formuliert ist:

„Wer andere fordert und sie verpflichten will, braucht Zeichen der Ordnung und Selbstverpflichtung.”2

Dieser Brief wurde nach Beratung im Namen und mit Genehmigung von 81 Lehrbeauftragten der Musikhochschule Freiburg verfasst.

1 Vgl. Stenografischer Bericht (ohne Beschlussprotokoll); Hessischer Landtag, 49. Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst 11. Oktober 2012, S. 25 (Dr. Andreas Keller/GEW).

2 Leitbild der deutschen Musikhochschulen, „Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK“ (RKM), Mitgliederversammlung 18. und 19. Januar 2009/Berlin, Punkt 1; <http://www.die- deutschenmusikhochschulen. de/ueber-uns/leitbild/>

 

Brief von Mattias Stich:

Lieber Bernhard W,

danke für die Anfrage betreffend eines evtl. Sax-Workshops im Jahr 2014 an der Musikhochschule.(........)

Jetzt kommt das "aber":

Die Musikhochschule Freiburg hat letztes Jahr ihre Selbstverpflichtung auf turnusmäßige Besserstellung der Lehrbeauftragten, nicht eingehalten, wie du sicherlich weißt (........)

In einem offenen Brief habe ich angekündigt - und auch wahr gemacht - künftig nur noch "Dienst nach Vorschrift" zu machen. D.h. seither nehme ich keinerlei Prüfungen mehr ab( )führe keine Vortragsabende mehr durch oder gehe auch nicht mehr zu den Fachgruppensitzungen. Alle Tätigkeiten, die man von den Lehrbeauftragten im Grunde stillschweigend erwartet, die aber für diese nicht verpflichtend sind, habe ich nach sieben Jahren eingestellt.

Die Folgen meiner Konsequenzen gehen eindeutig zu Lasten der Studenten. Würde ich diese Tätigkeiten jedoch weiterhin ausüben, so wie ich das von 2005 bis 2012 getan habe, dann würde das zu meinen Lasten gehen, da diese weitestgehend unbezahlte Tätigkeiten sind.( ).

Dem unausgesprochenen moralischen Druck auf die Lehrbeauftragten jedoch (vor den letzten Aufnahmeprüfungen mir gegenüber übrigens massiv vorgetragen vom derzeitigen Prorektor xy), im Sinne einer optimalen Ausbildung unserer zukünftigen (exzellenten) Studenten die eigenen kleinbürgerlichen Bedürfnisse und Wünsche nach gerechter Entlohnung der eigenen Arbeit doch bitte hinten anzustellen, habe ich nicht länger Lust, mich zu beugen. Exzellente Ausbildung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse passen für mich nicht (länger) zusammen.

Gut möglich, dass ich aufgrund meiner massiven Kritik an der Hochschulleitung irgendwann keinen Honorarvertrag mehr bekommen werde. In der letzten Senatssitzung war wohl schon vom "Problem Stich" die Rede. ( ) Die Kritik, die Verärgerung, der Frust über die im Grunde ausbeuterischen Verhältnisse der Lehrbeauftragten (  ), die hinter vorgehaltener Hand überall zu hören und zu spüren sind, trauen sich viele aber nicht öffentlich auszusprechen aus Angst um den Arbeitsplatz Musikhochschule, welcher für viele eben doch existentiell wichtig ist.

Was hat das alles mit deiner Anfrage zu tun, wirst du dich vielleicht fragen ?

Das Engagement der Lehrbeauftragten an, in und für die Hochschule hängt stark mit der Wertschätzung ihrer Arbeit zusammen. Allerdings reicht uns ein Schulterklopfen für unsere angeblich so tolle Arbeit längst nicht mehr aus. Wir wollen im Gegenzug auch ein (echtes!) Engagement der Hochschule wahrnehmen, welches zumindest mittelfristig zu einer Verbesserung unserer prekären Situation führt. Wenn das aber nicht der Fall ist, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn die Lehrbeauftragten keine große Lust mehr haben, sich für diese Institution ins Zeug zu legen.
(.......)
Ich bin auf den Job an der Hochschule nicht wirklich angewiesen. Deshalb kann ich mich mit meiner Kritik auch ein wenig weiter aus dem Fenster lehnen als viele meiner Kollegen (von denen ich mir trotzdem wünschen würde, dass sie öfters und vernehmlicher den Mund aufmachen würden. Aber da spielt die Angst um den Job mit. Und das weiß natürlich auch die Hochschule, was ihr in die Hände spielt.)

Die Musikhochschulen bzw. die diversen Landesregierungen als die letztendlich Verantwortlichen für diesen "Bildungsnotstand" müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie mit dem wachsenden Problem der Ungerechtigkeit (und mit dem nun auch endlich wachsenden (Selbst-)Bewusstsein der betroffenen Personen darüber) umzugehen gedenken. Ich schätze, es werden spannende Jahre auf uns zukommen.


Herzliche Grüße

Matthias