An den
Rektor der Hochschule für Musik Karlsruhe
Herrn Prof. Hartmut Höll

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Prof. Höll,
im Rahmen der Anhörung im baden-württembergischen Landtag am 22. Juli 2014 zur beratenden Äußerung des Rechnungshofes haben Sie auf den Beitrag unserer Sprecherin Frau Höfer in der Frage- und Gesprächsrunde auf eine Weise reagiert, die wir als Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen (bklm) nicht unkommentiert lassen können. Ihre Äußerungen haben bei den Lehrbeauftragten-Vertretern der 24 Musikhochschulen auf der 5. bklm in Hannover Ende Oktober große Bestürzung ausgelöst.


In gemeinsamen Gesprächen der bklm mit der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen in Deutschland (RKM) ist bereits des Öfteren die unbefriedigende und prekäre Situation Lehrbeauftragter zur Sprache gekommen. Der Wissenschaftsrat und führende Politiker haben festgestellt, dass es an deutschen Hochschulen zu wenige feste Stellen gibt.
Vor diesem Hintergrund ist es für die bklm völlig unverständlich, dass Sie den Lehrauftrag als Modell zur Erlangung von Lehrerfahrung herausstellen. Wollen Sie ernsthaft angehenden Lehrenden die Botschaft aussenden, dass prekäre Einstiegsperspektiven der Normalfall sind?
An einer anderen Stelle äußerten Sie vor dem Wissenschaftsausschuss: „Insofern, wenn Lehrbeauftragte ihr Leben lang im prekären Arbeitsverhältnis – was ich sehr bedauere – nur Lehrbeauftragte bleiben, dann wurden sie vielleicht nicht akzeptiert bei entsprechenden Bewerbungen.“ Ihre Äußerung impliziert in Kontext und Tonfall die pauschale Unterstellung, dass der Grund, warum Lehrbeauftragte in Dauerlehrauftragsverhältnissen lehren, darin liegt, dass sie für Festanstellungen nicht ausreichend qualifiziert sind. Dieser Satz konterkariert die von der RKM geäußerten Wertschätzung der Arbeit Lehrbeauftragter, wie sie in der Präambel der Stellungnahme
Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen
zu den Mindeststandards der bklm formuliert ist. Desweiteren widerspricht Ihr Satz der von den Rektoren bei jeder Gelegenheit geäußerten Aussage, dass die Ausbildung an deutschen Musikhochschulen absolut herausragend sei. Da aber in vielen Musikhochschulen auch Kernbereiche der Ausbildung (z.B. Hauptfachklassen) von Lehrbeauftragten gestemmt und verantwortet werden, kann dies nur bedeuten, dass die Lehrbeauftragten eine absolut herausragende Arbeit machen.
Die beruflichen Biografien Lehrbeauftragter sind deutlich vielschichtiger, als Ihre Aussage ausdrückt. Es finden sich hier zahlreiche, auf ihrem Gebiet erfolgreiche und qualifizierte Kollegen, deren Kompetenz denen in der professoralen Lehre in nichts nachsteht. Die bklm muss Ihre Äußerung als Herabwürdigung der Lehre Lehrbeauftragter verstehen, die wir entschieden zurückweisen.
Nimmt man die beiden von Ihnen eingebrachten Aspekte zusammen, muss man daraus schließen, dass das Berufsbild „Hochschullehrer“ einem Lotteriespiel ähnelt, bei dem es eben auch Verlierer geben muss. Mit dieser Position gefährden Sie mittelfristig die Hochschulen in ihrer Existenz und blenden die prekäre Realität des Berufsfeldes "Musikhochschule" zum größten Teil aus. Denn wem kann man vor diesem Hintergrund eine Hochschulkarriere noch empfehlen?
Auch dem von Ihnen behaupteten Automatismus, eine Erhöhung des Anteils an Mittelbaustellen führe für Lehrbeauftragte zum Verlust ihrer Beschäftigung, widersprechen wir ausdrücklich. Wir erwarten im Gegenteil, dass eine intelligente Personalplanung, die die Möglichkeiten beispielsweise der Teilzeitbeschäftigung nutzt, Beschäftigungsverluste vermeiden kann. Sie nehmen auch weiterhin an, dass in erster Linie „die, die nachkommen“ von der Einrichtung von Mittelbaustellen profitieren werden. Dies kann nur so verstanden werden, dass aus ihrer Sicht Lehrbeauftragte, die bereits in den Häusern arbeiten und langjährige, gute Arbeit leisten, für neugeschaffene Stellen von vornherein nicht in Frage kommen. Diese Form der Verweigerung beruflicher Perspektiven kritisieren wir als bklm auf das Schärfste.
Die bklm erachtet es als ausgesprochen bedauerlich, dass Sie mit diesen aus unserer Sicht unüberlegten Positionen in der politischen Öffentlichkeit aufgetreten sind. Sie lassen genau die Differenzierung vermissen, die Sie von dem politischen Diskurs eigentlich erwarten. Wir gehen davon aus, dass Sie unsere Einschätzung teilen, dass der herausragende Grund für langjährige Lehrauftragsverhältnisse nicht in der Qualität der Kollegen liegt, sondern in der mangelnden Ausstattung der Hochschulen mit angemessen Stellen. Wir möchten Sie daher auffordern, die Äußerungen, die Sie vor dem Wissenschaftsausschuss gemacht haben, zu revidieren.
Mit freundlichen Grüßen
i. A. der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen
(Arvid Ong , Sprecher der bklm)

 

Brief an Prof. Höll von Prof. Friedemann Immer