11.Februar 2014
An die Rektorate der Baden-Württembergischen Musikhochschulen

Sehr geehrte Damen und Herren,
aus den Musikhochschulen in BW wurde uns von einem Papier berichtet, in dem es um ein „Modell Struktur Lehraufträge“ geht. Hier wird vorgeschlagen, Lehraufträge zum einen nur noch an Personen zu erteilen, die einen anderen Hauptberuf haben, zum anderen an Berufseinsteiger, wobei der Lehrauftrag auf die Dauer von 5 Jahre begrenzt werden soll.

Wir möchten unsere Verwunderung zum Ausdruck bringen und kritisieren auf das Schärfste die Einführung eines solchen Modells. Wir möchten dieses im Folgenden in verschiedener Hinsicht begründen:

      1. Der Lehrauftrag an Musikhochschulen ist ursprünglich zur „Ergänzung“ des Lehrangebotes gedacht gewesen. Im Lauf der Jahre wird er jedoch hauptsächlich zur „Sicherstellung“ des Lehrangebots verwendet, d.h. ohne die vielen tausend Lehrbeauftragten würde keine Musikhochschule in Deutschland mehr funktionieren.

Ursprünglich sollten die Lehraufträge zum großen Teil an Dozenten vergeben werden, die in anderen festen Anstellungsverhältnissen, z.B. im Orchester oder am Opernhaus angestellt sind. Nach einer Umfrage, die von der bklm im Jahre 2012 durchgeführt wurde, lässt sich aber folgende eindeutige Tendenz ableiten: Bundesweit trifft dieses gerade einmal auf 13,4% der Lehrbeauf-tragten zu, in BW sind es mit 19% nur geringfügig mehr.

Für über 50% der Lehrbeauftragten in BW stellt der Lehrauftrag einen existenziellen Teil des Gesamt-Einkommens dar! Man kann also davon reden, dass seit der Einführung der Lehraufträge immer mehr „Freiberufler“ oder „Patchwork-Arbeiter“ im Lehrauftrag an den Musikhochschulen arbeiten.

Da erscheint es uns gelinde gesagt realitätsfern, wenn man die Struktur Lehraufträge in der von Ihnen vorgeschlagenen Form ändern will. Ein sehr großer Teil der Lehrbeauftragten unterrichtet zudem Fächer/Instrumente, die es nicht im Orchester etc. gibt. Vor allem trifft dieses für viele Sonderinstrumente, den Bereich Alte und Neue Musik und den Jazz zu. Außerdem ist ein sehr großer Teil der Lehrbeauftragten, die Klavier, Musiktheorie und Gesang im Nebenfach bzw. Pflichtfach unterrichten oder korrepetieren, nicht in festen Anstellungsverhältnissen.

Was bedeutet es, an der Musikhochschule zu unterrichten oder als Korrepetitor eine Klasse zu begleiten? Es ergibt sich im Laufe des Unterrichtes ein sehr persönliches Verhältnis, bei Korrepetitoren gibt es das Verhältnis zwischen dem Korrepetitor und dem jeweiligen Hauptfach-Dozenten. Hier kennt der Korrepetitor im Laufe der Jahre die Literatur und die Wünsche des Dozenten.

Auch das persönliche Verhältnis zwischen Lehrbeauftragten und Studierenden darf man auf keinen Fall unterschätzen! Sehr oft wird aus einem „Nebenfachinstrument“, z.B. Gesang in der Schulmusik, dann doch ein Hauptfach.

An den deutschen Musikhochschulen, die so großen Wert auf ihre exzellente Ausbildung legen, sollen also nach diesem Modell in Zukunft die Studierenden im Regelfall in vielen Fächern von „Berufsanfängern“ unterrichtet werden!

Würde Ihr Modell umgesetzt, müsste der Hauptfach-Dozent sich alle fünf Jahre auf einen neuen Korrepetitor einstellen, für einen Studierenden wäre es die Ausnahme, wenn er im Laufe seines Studiums nur einen Lehrbeauftragten im Haupt- oder Nebenfach als Dozent hätte – normal wäre mindestens ein Lehrerwechsel! An manchen Hochschulen wird ein Lehrerwechsel zu Recht als Grund für eine Studienverlängerung anerkannt. Dieses würde nicht unerhebliche Mehrkosten für das Hochschul-System mit sich bringen.

      2. Auf der letzten Rektorenkonferenz, an der zwei Sprecher der bklm zeitweise teilnehmen konnten, wurde der bklm und damit den fast 5.000 Lehrbeauftragten an deutschen Musikhochschulen die „Zusage zu einem guten Miteinander“ gegeben. An manchen Musikhochschulen gibt es inzwischen ein Memorandum oder ein Leitbild. In beiden Papieren wird hervorgehoben, dass man „wertschätzend miteinander umgeht“ und betont, welche „wichtige und qualifizierte Arbeit“ die Lehrbeauftragten leisten.

Was soll da der Rückfall in die Zeit, als der Etat der Lehraufträge in den Etat der Sachmittel fiel? Ein Flügel ist nach 20 – 25 Jahren abgenutzt, ein Notenständer nach 2 Jahren und ein Lehrbeauftragter hat nach 5 Jahren ausgedient?

Oft genug wurde die Arbeit der Lehrbeauftragten von den Rektoren der deutschen Musikhochschulen als gleichwertig mit jener der Professoren bezeichnet. Mit Ihrem aktuellen Vorhaben würde die über Jahre geleistete und hervorragend qualifizierte Arbeit der Lehrbeauftragten mit den Füßen getreten! Wenn sie auf fünf Jahre begrenzt wird, würde sie als eine „Berufseinsteiger-„ und „Anfängertätigkeit“ abqualifiziert. Sie übersehen dabei, dass das Funktionieren und Überleben der deutschen Musikhochschulen nur durch die in den meisten Fällen hervorragende Arbeit der Lehrbeauftragten möglich war und ist!

Wir hoffen und wünschen Ihnen und uns, dass dieses „Modell Struktur Lehraufträge“ nur ein wenig durchdachtes Konstrukt ist und nie in die Tat umgesetzt werden wird.

Mit freundlichen Grüßen

i.A.

(Prof. Friedemann Immer – Sprecher der bklm)

Kopie an:

Frau Ministerin Theresia Bauer, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst BW

Prof. Dr. Martin Ullrich, Vorsitzender Rektorenkonferenz

DOV – Deutsche Orchestervereinigung

Lehrbeauftragte der deutschen Musikhochschulen

Asten der BW Musikhochschulen